10 Im Schmuck der weißen Locken Philipp von Hessenland. Der ließ die Blicke schweifen Weit über Marburg's Bann, Und über seine Wangen Ihm eine Thräne rann. „Du Land und Volk der Hessen In jeglicher Gefahr Hast Du mir beigestanden So bieder, schlicht und wahr." „Ich hab' es wohl erfahren Was seines Volkes Treu', Was seines Volkes Liebe Dem Landesvater sei." „„So treu, als wie ein Hesse"" Wahrlich ein wahres Wort, Drum blühe Land der Treue In alle Zeiten fort." „Drum blühe Land der Treue Als deutscher Lande Zier, Bis in die spät'ften Zeiten, Mein Segen sei mit Dir." — „Da rauscht ob mir der Epheu Am alternden Gestein, Empor aus meinen Sinnen Fuhr ich, — ich stand allein. Jedoch in meinem Herzen Da klingt es ewig fort: „Die Treue, ja die Treue Des Hessenlandes Hort!" Hi. Ititter. Aus alter und neuer Zeit. Durch Muth errungenes Glück. Nächst dem großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg zeichnete sich vor den übrigen evan ­ gelischen Fürsten Deutschlands Landgraf Karl von Hessen-Kassel dadurch aus, daß er die zur Bewah ­ rung ihres evangelischen Bekenntnisses seit 1685 aus Frankreich geflüchteten Hugenotten großmüthig in seinem Lande aufnahm und unterstützte. Ein nicht unbeträchtlicher Theil derselben siedelte sich in Kassel an, wo mit Hilfe des Landesherrn die Oberneustadt von ihnen gebaut wurde. Da zwischen ihnen und den Eingeborenen von früher her gar keine Ver ­ bindungen stattfanden, sie vielmehr von denselben durch Sprache und Abstammung getrennt waren, so ergab es sich ganz von selbst, daß sie sich um so enger an einander anschlossen. Sie bildeten die so ­ genannte Compagnie des Refugies. Gleichwohl fehlten auch unter dieser eng verbundenen Gesellschaft die Unterschiede zwischen Arm und Reich eben so wenig, wie unter anderen Sterblichen; denn während es dem Einen gelungen war sein Vermögen in die Fremde mitzunehmen, hatten andere kaum mehr als das nackte Leben gerettet. Unter diesem durch Mein und Dein gebildeten Abstand hatte auch ein junges Liebespaar zu leiden, welches sich erst in Kassel gefunden hatte. Anna war die Tochter und einzige Erbin des sehr wohl ­ habenden Lohgerbers Jean Baudesson, der Vater von Daniel Land re dagegen war zwar reich an Jahren — er erreichte ein Alter von 103 Jahren — aber arm an Gütern. Die jungen Leute, die von ganzem Herzen für einander in Liebe erglühten, beachteten diesen Unterschied freilich nicht, aber desto genauer nahm es damit Anna's Vater. Denn als unser Daniel, der sich dem Kaufmannsstand ge ­ widmet hatte, um die Hand der Tochter warb, wurde er schnöde abgewiesen. Dieser ungünstige Bescheid war zwar für die Liebenden ein großer Schmerz, jedoch keineswegs ein Hemmniß für ihre Liebe und ihre Hoffnungen. Sie gelobten sich vielmehr ewige Treue. Diese wurde aber auf eine harte Probe ge ­ stellt. Denn es verging Monat um Monat, Jahr um Jahr, ohne daß der Sinn des reichen Baudesson erweicht wurde. So kam das Jahr 1703 herbei, in welchem die vom Landgrafen Karl zwischen zwei Armen der Fulda geschaffenen Anlagen — jetzt die Aue genannt — vollendet und zum Besuch für Jedermann geöffnet wurden. Zum Ausdruck der allgemeinen Freude über diese Schöpfung des Landes ­ herrn sollte nun an dessen Geburtstag, dem 14. August, eine glänzende Illumination der Anlagen stattfinden. Begreiflicher Weise strömte am Nachmittag eine ge ­ waltige Menschenmenge nach der Aue hin, um sich an dem abendlichen Schauspiel zu ergötzen. Als aber auf der Brücke, welche übe'r den unterhalb des vor dem fürstlichen Schloß befindlichen Walles sich hin ­ ziehenden Fulda-Arm führte, ein arges Gedränge stattfand, — stürzte die Brücke plötzlich ein und Hunderte von Menschen fielen ins Wasser. Unter den Un ­ glücklichen befand sich auch der reiche Lohgerber sammt Schwester und Tochter. Die Schwester ertrank auch, wie manche andere; die Tochter aber und deren Vater wurden gerettet und zwar — durch den treuen Daniel. Dieser hatte nämlich auf dem Weg zur Aue seine geliebte Anna nicht aus den Augen ge ­ lassen, und als er aus einiger Entfernung sah, daß Vater und Tochter in Lebensgefahr waren, sprang er sofort ins Wasser und trug erst seine Geliebte, dann auch deren Vater in seinen Armen an das Ufer. Jetzt erweichte sich endlich das bis dahin steinerne Herz des alten Baudesson. Wie hätte er auch gegen den Mann, dem er sein eigenes Leben und das seiner Tochter verdankte, noch länger unerbittlich bleiben können! Nein, er führte selbst seine Tochter ihrem