8 sie die Thränen und spricht, während sie eifrig an einem arg durchlöcherten Strumpfe stopft, ganz gelassen: „Ich werd' auch ohne den Konrad fertig werden können." Sie täuscht aber doch das Bärbchen nicht ganz. Auch der Pfarrer traut nicht recht, als zur selben Zeit der Schäfer beim Fortgehen vom Friedhof zu ihm sagt: „Ach, Herr Pfarrer, nun ists mit den Frauensleuten vorbei für mich!" Aber er widerspricht ihm natürlich nicht. Und der alte Köthe wiederspricht auch nicht, als sich auf dem Heimweg der Schmied Semmler zu ihm gesellt und auf des Schäfers hübsches Haus deutend, vertraulich äußert: „Köthe, das wär' ein Mann für eure Martlis, der brächte euch mit einem Schlage aus den Schulden heraus." Er überblickt nur sehnsüchtig das neue Ziegeldach und das ge ­ räumige Stallgebäude und denkt an die Handvoll harter Thaler, mit denen der Schäfer am Abend vorher in der Tasche geklimpert hat. An den Zustand wüster Trunkenheit, in dem sich der Wittwer eine Stunde später befunden, denkt er nicht. Und als es Nacht wird, und der Mond auf Heubach niederscheint, da beleuchtet er drei schlaflose Lagerstätten. Auf einer ruht der Schäfer Oswald und läßt die Mädchen des Dorfes an seinem inneren Auge vorüberziehen, auf der andern rechnet und zählt der alte Köthe, bis ihm der Angstschweiß ausbricht, und auf der dritten sitzt die Martlis und weint sich satt um den treulosen Konrad. — II. Seit dem Begräbniß der Schäsersfrau sind vier Wochen vergangen. Der Pfarrer von Altenbrunn trinkt seinen Nachmittagskaffee und berichtet da ­ bei von zwei Krankenbesuchen, die er in seinem Filial Heubach gemacht hat. Aber er besitzt kein sehr dankbares Publikum, denn Spitzchens Auf ­ merksamkeit ist erheuchelt, oder gilt vielmehr nur dem Zwieback, den sein Herr in der Hand hält, und die Pfarrerin wartet augenscheinlich mit Ungeduld auf eine Pause in der Rede ihres Mannes. Jetzt tritt eine solche ein. und sogleich fragt sie eifrig: „Hast du nicht gehört, wie es mit Köthens steht?" Des Pfarrers freundliches Gesicht verdüstert sich. „Allem Anschein nach recht schlimm," ant ­ wortet er gedrückt, „der Bürgermeister sagte mir, der Jude Katz würde mit der Klage nur noch bis zur ersten Oktoberwoche warten, und das sei auch die längste Frist, die er selber geben könne." „Könne?" wiederholt die Pfarrerin bitter. Wenn der brave Herr Bürgermeister nur das Ding beim rechten Namen nennen wollte. Warum konnte er sich denn gedulden, so lange er keine billigeren Tagelöhner als den Köthe und die Martlis bekam? Aber so sind die Bauern alle, habgierig, berechnend und unbarmherzig. Wenn wir doch nur so viel hätten, um dem armen Mann die lumpigen 200 Thaler leihen zu können." Der Pfarrer lächelt flüchtig. „Dann wären wir vielleicht auch berechnend und unbarmherzig." sagt er halb im Scherz, und fährt dann ernst ­ haft fort: „Es ist traurig, daß mir der Köthe nicht mehr traut, seitdem ich sein Gesuch um ein größeres Darlehn aus der Kirchenkasse abweisen mußte, ich fürchte, er geräth dadurch an Leute, die es viel weniger gut mit ihm meinen. Er soll in letzter Zeit sehr häufig mit dem Schäfer Oswald zusammengewesen sein." „Mit dem Trinker? Der hat doch nicht gm Ende gar Absichten auf die hübsche Martlis?" „Charlotte! Was für ein Einfall! Du bist auf dem besten Wege noch gefühlloser zu werden, als die geschmähten Bauern!" Der Pfarrer ist so entrüstet, daß er gar nicht hört, wie jemand die Haustreppe heraufkommt. Erst als Spitzchen mit wüthendem Gebell auf die Thüre los fährt und draußen eine rauhe Stimme nach ihm fragt, merkt er, daß ein Fremder da ist und verläßt das Zimmer. Der Schäfer Oswald steht auf der Flur, Spitzchen vollführt aber bei seinem Anblick einen so entsetzlichen Lärm, daß die Pfarrerin nicht versteht, was er zn ihrem Manne sagt. Sie erfährt bald genug, was er will. Spitzchen hat sich noch nicht völlig von seiner Aufregung erholt, sondern bekundet durch anhaltendes Knurren noch immer mühsam verhehlten Grimm, da wird die Thüre der Studierstube ungestüm geöffnet, und in die erneuten Wuthausbrüche des kleinen Hundes hinein hört sie den Pfarrer ungewohnt heftige Worte sprechen. Gleich daraus tritt er wieder bei ihr ein, blaß, mit zuckenden Lippen. Er durch ­ mißt einige Male das Zimmer, bleibt dann am Fenster stehen und spricht, den Kopf an die Schei ­ ben drückend, mit tonloser Stimme: „Charlotte, Du hast vorhin Recht gehabt — am Sonntag ist das erste Aufgebot von dem Schäfer Oswald und der Martlis Köthe." Die Pfarrerin erhebt sich erschrocken. „Das ist ja wohl ganz unmöglich! Das darf ja die Kirchenbehörde nimmermehr zugeben!" Der Pfarrer schweigt eine Weile, in düstere Ge ­ danken versunken. „Das sagte ich dem Schäfer auch," antwortet er dann gepreßt, „aber der hatte sich gut vorgesehen. Er war schon am Standesamt und schon keim Metropolitan gewesen und so gut unterrichtet über meine Rechte und Pflichten, daß ich schweigen mußte. Er kann sechs Wochen nach dem Tode seiner Frau eine zweite Ehe eingehen." „Aber sagtest Du ihm denn nicht, daß es himmelschreiend sei, sich verheirathen zu wollen,