356 wir empfinden der Liebe Leid, der Liebe Lust und wandeln an Dichters Hand bis in jene Pfade, wo Genialität zum Wahnsinn ausartet, wenn die irdischen Fesseln zu drückend geworden sind, wenn alte Verpflichtungen mit neuem Fühlen und Wollen in Streit gerathen. Es sind neben gut bürgerlichen recht enge drückende Verhältnisse, in die uns der Dichter hinein ­ schauen läßt und die er mit großer Sach- und Ortskenntniß schildert, so daß wir ein Stück Kasseler Kulturgeschichte als Hintergrund der Handlung vor uns haben. Daß berechtigte Gefühle einer hoch ­ geachteten Familie verletzt werden, darf nicht ver ­ schwiegen werden, ist aber persönliche Sache des Verfassers und hat mit der künstlerischen Werth ­ schätzung seines Werkes nichts zu thun. Bis zum Höhepunkt, dem Treubruch Gustav's an Margarethe um der schönen und geistreichen Hermine willen, ist ein psychologisches Meisterwerk geschaffen, ein Ring des Verhängnisses greift in den andern und Humor und Lebenswahrheil beleben das Ganze. Der Schluß freilich kann, da er unaufhaltsam die traurige Lösung herbeiführen muß, eine gleiche Spannung nicht erzielen. Niemand aber wird ohne Antheil und hohen geistigen Genuß „3n Festen- aus der Hand legen.s Ferner sei ein ,größeres Werk von Hugo Frederking hier erwähnt, das sich mit des Lebens Mühen und Kämpfen der heutigen Gesellschaft ein ­ gehend beschäftigt: ,Stromschnellen", Roman in drei Bänden. Berlin 1869, Verlag von O. Janke. Hans Elben, der uns 1884 mit dem Sange von Bilstein erfreute, hat dieses Jahr seinen ver ­ hüllenden Dichternamen ausgegeben und hat als Fritz Bode ein neues Epos veröffentlicht: Stolberg, eine Geschichte aus dem 15. Jahrhundert. Kassel 1690. G. Wigand. (Fein gebunden 3 Mark). In wohl ­ gelungenen Versen, die uns an Scheffel's Trompeter und Julius Wolff's bessere Tage erinnern, steigt vor uns der Harz empor und die kräftigen Gestalten des Grafen Botho VII. von Stolberg und Wernigerode und seiner Getreuen, denen bei Mann und Weib noch trotzig Cheruskerblut durch die Adern rinnt. Gegen die Herrschsucht in weltlichen und geistigen Dingen des Bischofs Burchard von Halberstadt und seiner Mönche, die frech des Müllers Tochter an den üppigen Hof mit Gewalt entführten, erhebt sich die Grafschaft Stolberg und bereitet I4H7 den Frevlern die verdiente blutige Niederlage am Todtenwege. Dem Dichter ist es gelungen, ein treffliches Knliurbild zu schaffen aus den Zeiten unmittelbar vor der Refor ­ mation, wo aber dem Volke unbewußt noch viel Heiden ­ thum in Fleisch und Blut steckt aus uralter Zeit. Auf diesem Hintergründe heben sich kräftige Männer- rnd Frauengestalten, der Graf, der Bischof, der Mönch, er Magister, Till, Margarethe, Kathereine, die blonde Ilse herzerfreuend ab, sodaß jeder Leser gern mit dem Sang von Stolberg sich vertraut machen wird. Von den beliebten hessischen Schriftstellerinnen Sophie I u n g h a n s und H. B r a n d liegt für diese Weihnachten keine neue Gabe vor, doch genügt ein Hinweis auf die zahlreichen Romane und Novellen der ersteren, die jede Buchhandlung in reicher Auswahl vorlegen kann, und Brand's hessische Zeitromane erfreuen sich ja allgemeiner Beliebtheit, da sie uns die Haupt ­ thaten der Geschichte Hessen-Kassels dichterisch verklärt vor Augen führen will. Bearbeitet sind schon Hein ­ rich das Kind, das itz. Jahrhundert (In Lehns- pflicht), der 3< »jährige Krieg (Allzeit getreu), und Landgraf Karl (Gute Zeit im Lande), denen, wie wir hören, die Zeit des Landgrafen Friedrich II. nachfolgen soll. — Von lyrischen Erscheinungen aus Hessen liegen uns vor: C. Preser's Gedichte in 4. Auflage reich ver ­ mehrt. Kassel 1890 bei E. Hühn (Preis 3 Mark), und A. Trab ert: Deutsche Gedichte aus Oester ­ reich. Frankfurt a M. bei G. Wendel. 3 Bänd ­ chen (3 M. 50 Pf.), jedes auch einzeln käuflich. I. Schwertlieder eines Friedsamen II. Ein Menschen ­ leben und III. Trost-Einsamkeit. Neben diesen Neuerscheinungen muß aber auch eine neue, die 5. Auflage des Prinzen Rosa-Stramin von Eduard Helmer (Ernst Koch) als last not least erwähnt werden. Kassel 1690 bei G. H. Wigand. Das Altmüller'sche Geleitswort zur dritten Auf ­ lage wurde von P. R. durchgesehen und ergänzt und das Biographische erweitert. Die Dichtung selbst aber ist in Kurheffen überall so bekannt und beliebt, daß hier eine Erwähnung der neuesten Auflage genügt, um dieses Kleinod hessischer Haus ­ und Gemüthspoesie als schätzbarstes poetisches Festge ­ schenk für den Weihnachtstisch in Erinnerung zu bringen. Kassel, Ende November 1889. Or. phil. Leetig. Diejenigen Abonnenten, welche das „Hesfenland" durch die Post bestellt haben, denen t8 aber außerdem noch irrtüm ­ licher Weise unter Streifband zur geht, werden dringend ersucht, dem Nntrzcich- neten hiervon vermittelst Postkarte baldgefälligst Mittheilung zu machen. Durch Erfüllung dieser Bitte ersparen fie uns Zeit, Mühe und Kosten. Zugleich werden die Streifband-Abon ­ nenten, welche noch mit der Zahlung von Quartals-Beträgen im Rückstände sind, höflichst gebeten, dieselben im Laufe dirsctz Monats an den unterzeichneten Redakteur und Verleger ein ­ zusenden. I. Zwenger, Kassel, Zordanstratze 15. Verantwortlicher Redakteur und Verleger F. Zwenger in Kassel. — Druck von Friedr. Scheel in Kassel.