351 „Egoistisch!" wiederholte das Mädchen ent ­ rüstet, „Du ließest ihn ja niemals merken, Tante, daß Du nicht Geld genug habest." „Wie sollte ich ihn auf seinen groß geplanten Weg auch noch materielle Sorgen geben? Und gar damals in jener Zeit, wo er das Leben kaum ertrug — wo er auch seine literarische Thätigkeit aufgab — und —" „Aber das geschah nicht Erikas wegen", unter ­ brach sie Grete mit geröthetenWangen, „sondern weil er nie ein Genüge fand in dem, was er leistete, weil ihn, wie er mir einmal sagte, die Zeit nicht verstand und ihm das Feilschen mit seinem Höchsten so unsäglich zuwider sei." — „Er verstand sich niemals in das Leben zu schicken, der Rudi", sagte Frau Ruppius nach längerem Schweigen so aus ihrer Gedankenwelt heraus, als spräche sie mit sich allein, „vielleicht bin ich auch oft zu nachsichtig gewesen — und wenn er seinen Vater gehabt hätte —" „Der hätte ihn nicht geändert, sicher nicht," unterbrach sie Grete, „die Bedingungen zum Glücke, die müssen doch wohl von Anbeginn in der Menschenseele vorhanden sein — und wenn man in seinen Ideen so groß und rein ist, so leidet man unausgesetzt." „Aber die Welt urtheilt anders, Grete, und klagte mich an," sagte Frau Ruppius, während sie sich erhob und langsam mit gesenkten Lidern durch das Zimmer schritt, „o ich habe die Vor ­ würfe gefühlt, die Anzüglichkeiten verstanden, wenn ich auch tausendmal schwieg. Jetzt freilich „Ja, jetzt beneidet man Dich, Tantchen," er ­ gänzte Grete, während sie ihren Arm in den der Tante schob und mit ihr in gleichem Schritte ging, „aber ich würde nun doch auch an Deiner Stelle Rudi- bitten, einmal nach Neuhausen zu kommen — schon wegen der Kanzleiräthin und ihrem Gefolge von Klatschbasen, die den armen Rudi, weil er in ihr enges Maaß nicht passen wollte, sein ganzes Leben lang verleumdet haben. Ich möchte nur ihre langen Gesichter sehen, wenn Rudi mit der schönen Theodora am. Arm — o Tantchen, das wäre mir eine Genugthuung, wie ich sie mir nicht schöner denken könnte." Frau Ruppius lächelte nun gleichfalls, aber sie dachte weniger als Grete an den Triumph, sondern sie vergegenwärtigte sich das Gesicht ihrer kühlen Schwiegertochter, wenn sie die ärm ­ liche Behausung betreten würde, die kleinlichen Verhältnisse gewahren und wie dann Rudi leiden könne, wenn ein Abglanz dieser Gedanken um die schönen Lippen zuckte. Ja — Theodora! Rudi war glücklich , er sagte es, aber ihr, seiner Mutter, hatte sie nichts Liebes gethan bei ihrem Besuche — sie hatte sich so namenlos gedrückt gefühlt — so total über ­ flüssig und sie, die keine andere Welt kannte, als die ihres Rudi — sie war schließlich sogar froh gewesen, als sie wieder in Neuhausen war, in ihrem kleinen Häuschen.an dem Maltische saß und an ihn denken konnte — so wie sonst. Sie hatte sich wieder still auf ihren Stuhl gesetzt und faltete die Hände. Ihre Augen hafteten dabei an der letzten Photographie ihres Sohnes, die inmitten des großen Tisches auf einer Staffelei stand. Es war ein groß ange ­ legter Kopf mit kräftigem Halse, den ein Paar mächtige Schultern trugen Das volle Haar fiel lässig von der breiten Stirne, aber die Linien, die um den festgeschlossenen Mund lagen, ver ­ riethen bei aller Güte einen Zug energischen Trotzes. Ein Etwas, das sich auflehnen möchte gegen Dinge, denen die Masse zu Füßen liegt. Es war das ein Zug, der alle mächtigen Eigen ­ schaften, die Kopf und Stirne verriethen, zu Nichte machen konnte und den ein Dämon oft in hämischer Schadenfreude denen giebt, welche die Götter mit ihren Gaben überschütteten. Wie viele Hoffnungen und Träume hatte Martha Ruppius in diese Züge hineingedacht, wie viele Wünsche an das Glück dessen geknüpft, der sie trug! Ob sie jetzt litt, weil sie wußte, daß alle opferfreudige Mutterliebe dennoch nicht im Stande sei, die Kinder zu beglücken? Wenigstens lag ein Zug leidvollen Weh's in ihrem Gesichte, als sie sich erhob und gedankenvoll in ihr Schlaf ­ zimmer ging. Es war das ein Theil des Mutter ­ herzens, den Grete nicht verstand, die viel zu ­ friedener und hoffnungsfreudiger geworden war, seitdem sie Rudi mit Theodora vermählt wußte — und somit von den Banden jener verzehren ­ den Leidenschaft für Erika erlöst, die ihren Schatten auch über ihren eigenen, stillen Weg geworfen hatte. Sie hatte sich die kleine Staffelet bis dicht an den Platz gerückt, wo sie saß, sie war kurzsichtig und konnte das Gesicht nur in dieser Nähe erkennen. Sie that das allabendlich und dachte dabei an die ihr kurz zugemessenen Frühlingsstunden, in welchen sie von einem gemeinsamen Glücke mit Rudi geträumt hatte. Warum das entscheidende Wort niemals ge ­ fallen war, das hatte sie begriffen: er stand ja in jeder Beziehung so hoch über ihr; aber träumen und ihn lieben in ihrer Weise, das durfte sie — und das war für ihre genügsame Natur dennoch ein Glück. Heute sah sie indessen nicht so still glücklich in die geliebten Züge, die Worte der Tante, die sein Glück mit Erika in Verbindung gebracht, hatten sie erregt und all die Zeit, die stürme-