326 Wer Game „Kessen" und öa§ Lhalkenlanö sowie die Hebiels- enlwLcklung der Ganögrasschast. Vortrag, gehalten zu Kassel im Verein für hessische Geschichte und Landeskunde am 28. Oktober 1889. Von vr. phil. Fritz Zeelig. Hochansehnliche Versammlung! Geehrte Frauen und Herren! Sie werden an der Wahl meines heutigen Vortrages wohl manches auszusetzen haben und auch ich selbst befürchtete im Anfang, daß das Zu ­ besprechende den Einen zu bekannt, den Andern zu fernabliegend erscheinen möchte. Doch entschloß ich mich aus guten Gründen dafür, dies und kein anderes Thema zu wählen. Zunächst ist es leicht erklärlich, daß Ergeb ­ nisse der Wissenschaft erst spät und allmählich in weitere Kreise dringen, und man soll deshalb keine Gelegenheit versäumen, den Vorgang durch Wort und Schrift zu beschleunigen, und hoffent ­ lich gelingt es mir, Sie heute von der buch ­ stäblichen, bisher oft geleugneten Uebereinstimm ­ ung von Chatte und Hesse zu überzeugen. Weiter deckt sich der volksthümliche Begriff „Hessenland" durchaus nicht mit dem Umfang des z. Th. willkürlich gewachsenen Begriffes „Hessische Geschickte", und dennoch werden beide in Gesprächen und Büchern fortwährend verwechselt, sodaß neulich noch ein Abriß einer Geschichte des Hessenlandes erschienen ist, der uns einen Leitfaden hessischer Geschichte gab. Auch gegen diese Ungenauigkeiten möchte ich Einspruch er ­ heben, obwohl meine Behauptung durch geschicht ­ lich Gewordenes widerlegt zu werden scheint. Denn allgemein spricht man heute von einem Königreich Sachsen, einem Großherzogthum Hessen, während streng genommen ersteres mit dem alten Sachsen noch weniger zu thun hat, als dieses mit dem eigentlichen Hessen: Dort bildet „Meißen" die Grundlage und hier die obere Grafschaft Katzenellenbogen nebst anderen rheinfränkischen Gebieten, während von echt hessischem Boden nur die Umgegend von Alsfeld als kleinster Bruchtheil dazu gehört. Endlich möchte ich die Versammelten auf mehrere mit Erfolg neubebaute Forschungsgebiete aufmerksam machen, und erlaube ich mir im Anschluß daran zu jenen von dem verstorbenen Oberbibliothekar Dr. Duncker im Supplement X der Neuen Folge ausgesprochenen, wohlbegründe ­ ten Forderungen, eine Erweiterung und zwei neue Bitten an die Hörer, an die Mitglieder des hessischen Geschichtsvereins, ja an alle Söhne des Hessenlandes hinzuzufügen: 1. Fehlt uns nicht nur ein genaues Verzeich ­ niß der in den mehr denn 45 Bänden der Zeitschrift niedergelegten, reichen Forschungen, sondern alle bibliographischen Hilfsmittel — selbst die besten — sind in Bezug auf Hessen veraltet, einseitig oder lückenhaft. Walthers Repertorium gilt zunächst nur für Hessen-Darm- stadt, und Ackermanns ßibliotheca Hassiaca ist nur für den landeskundlichen Theil muster ­ haft, die geschichtliche Hälfte steht noch aus. Keine bestehende. Büchersammlung aber, selbst nicht unsere Landesbibliothek, ist in hessischer Literatur vollständig, sodaß der Druck einer möglichst reichhaltigen Bücherkunde zur hessischen Geschichte geradezu ein Bedürfniß wird. Dazu aber muß und kann Jeder beitragen, selbst wenn es nur ein Scherflein ist. Daher darf ich wohl hier auf meine im „Hessenland" Nr. 19 ausge ­ sprochene, darauf bezügliche Bitte kurz ver ­ weisen, die von mehreren Zeitungen wiederholt worden ist. 2. regt sich jetzt allgemein ein gesundes Streben, die Mundarten der deutschen Sprache, für die man wieder Sinn und Anerkennung hat, wissen ­ schaftlich festzuhalten und ihre Verzweigungen darzustellen, und auch hierbei kann jeder helfen, indem er ihm bekannte oder auffallende Worte und Redewendungen getreulich sammelt oder einem Sammler mündlich zukommen läßt. 3. fehlt es vollständig an einer kartographischen Darstellung der hessischen Gebietsentwicklung und will ich Sie, verehrte Anwesende, auf dieses wichtige Bedürfniß hinweisen, dessen Ausfüllung belebend auf unsere hessischen Geschichtsstudien einwirken muß. Wenn aber der Ausführung dieser Karten große Schwierigkeiten entgegen ­ stehen, so ist die bisherige Theilnahmlosig- keit der Menge nicht die geringste. Vielleicht