322 K. war nicht nur ein stets hilfsbereiter Kamerad und Freund von geradem, offenem Wesen und biderbem Charakter, sondern auch ein wegen seiner ungewöhnlichen Körperkraft, welche er seine Gegner im Streit recht eindringlich fühlen ließ, bei den sog. Philistern und Knoten Marburgs allgemein gefürchtet. Er bezog 1838 diese Universität und trat bei den roth-weiß-goldenen Markomannen in's Corps, deren Senior damals der hier verstorbene erste Staatsanwalt Wilhelmi war. Ich sehe ihn noch mit meinem geistigen Auge vor mir, den gut ­ müthigen K., wie er, ein Hüne von Gestalt, in schwarzem Frack, weißen Beinkleidern, hoher Kravatte, die Mütze auf dem rechten Ohr, mit gewichtigem Stock in der derben Faust, welche sogar bei Gruß und Handschlag des reckenhaften Freundes gewaltige Körperkraft nur allzunachhaltig empfinden ließ, durch die engen Gassen der alma Philippina in langsam abgemessenem Schritt wandelte, niemandem aus ­ wich und auf die ihm ehrfurchtsvoll von den scheu zur Seite getretenen jungen Leuten gebotene Be ­ grüßung, von oben herab sie betrachtend, — un ­ bekümmert um die Tageszeit die Antwort gab: „guten Morsen Knot!" —; er steht mir noch leb ­ haft vor Augen, wie er nach abgelegter theologischer Prüfung aus dem Zimmer kam und dem Studiosus Schütte, der in dem Kreuzgang der Aula neben ihm ging, in der Freude seines Herzens ob des kelieiter elapsus so kräftig auf die Schulter schlug, daß der kleine, ohnehin gebückt gehende Schütte zu Boden siel. Eine Glanzleistung unseres K. als Simson war aber die, welche im Englischen Hof vorkam. Dort fand an einem Sonntag Abend sog. Kuhschwof statt, an welchem — angezogen durch das ewig Weibliche — auch der Bruder Studio sich damals noch be ­ theiligte, — die Theilnahme daran verbot 1840 den Hasso-Nassoven ein 0. 0. Beschluß bei 1 Thlr. Strafe — und wobei es öfter zwischen Studenten und Nichtstudenten zu Reibereien, die gar manchmal iu Thätlichkeiten ausarteten, kam. An solch einem Abend war es, als auf unseren unter den Bäumen vor dem Englischen Hof lustwandelnden K. mehrere Studenten zuliefen und dessen Hilfe gegen die Tänzer im Saal erbaten, von denen sie soeben hinaus gedrängt worden seien. Der stets hilfbereite Simson K. betrat in Folge dessen gehobenen Hauptes und siegbewußt das zu ebener Erde gelegene TanzlokU des Englischen Hofes, gefolgt von der kleinen Anzahl der in ungleichem Kampf mit den Philistern unter ­ legenen Studiengenossen und rief, seinen Ziegen ­ hainer in der markigen Rechten drohend schwingend, mit der ihm eigenen Stentorstimme in die über ­ raschte Gesellschaft hinein: „ruhig!", worauf sich alles still verhielt. Dann schritt er gemessen, den Kopf rechts und links wendend, die Stirne ^um ­ wölkt-, mit Unheil verkündenden Blicken, dem nächsten Fenster zn, öffnete dieses und forderte die jugendlichen Tänzer, welche sich beim Streit mit den Musensöhnen betheiligt hatten, in entschiedenem, nicht gar freundlichem Ton auf, den Ort ihrer Lustbarkeit unter Zurücklassung ihrer „Besen" auf diesem nicht ganz gewöhnlichen Weg zu verlassen. Dies Ansinnen rief unter allen Anwesenden un ­ verkennbares Erstaunen 'intb gerechten Unwillen, ja bei manchem Tänzer sogar lauten Widerspruch hervor. Rasch entschlossen forderte nun K. seine an ­ wesenden Kameraden auf, keinem der Tänzer den Ausgang durch "die Saalthüre zu gestatten, packte dann den vorlautesten Schreier vor der Brust, hob ihn in die Höhe und setzte ihn zum Fenster hinaus an die Luft. Hi rnächst wandte er sich an die übrigen und rief: „marsch! auch da hinaus, sonst gibt's Keile." Als er darauf mit gehobenem Stock hinter einige Widerspenstige trat und sich anschickte, seinen drohenden Worten die That folgen zu lassen, da ergriffen alle das Hasenpanier und einer nach bem andern machte den „Weg durch's Fenstert" in den nicht tief gelegenen Garten; K. aber schloß das Fenster, wendete sich stolz um und sagte, befriedigt lächelnd: „Das war der Kehraus für die Stänkerer! Ihr andern könnt weiter tanzen. Musik!" Und es wurde munter weiter gespielt und fröhlich weiter getanzt als ob nichts vorgefallen wäre. K. aber und die übrigen Studenten begaben sich nach diesem so glänzend errungenen Sieg in die Kneipe zu Heuser (später Schwaner vulZo Dunkel) auf dem Markte und leerten dort unter Anstimmung des Liedes „Herr Zachäus" auf das Wohl ihres „Freundes in der Noth" und den Rächer der ihnen wohl nicht mit Unrecht widerfahrenen Unbilden einen „Sechzehn-Schoppen-Schimmel." Ob diesem noch weitere folgten, „ja das verschweigt der Sänger aus Höflichkeit." ' I. Schwank. Wie die Hessen Fremdwörter zu ver ­ deutschen wissen. Um das Jahr 1830 machte eine Schaar junger Männer, zu welcher auch der Erzähler gehörte, von Kassel einen Ausflug nach der an der Waldeck'schen Grenze bei Naumburg gelegenen Weidelsburg, einem in Trümmer liegen ­ den Ritterschloß, von welchem man eine herrliche Aus ­ sicht über weithin ausgedehnte Wälder hat. Auf dem Weg dahin kamen wir zu dem Dorf Martin ­ hagen, und hier bemerkte einer aus unserer Ge ­ sellschaft, daß in der Nähe ein ungeheuer großer Sandsteinblock liegen müsse, welchen man ursprüng ­ lich dazu bestimmt hatte, das achteckige Riesen ­ schloß oberhalb Wilhelms höhe zu krönen, den man aber später als ungeeignet im freien Feld liegen ließ. Es war nicht bloß die Schwierigkeit der