302 Der Amtsrichter griff nach der Weinflasche und fragte: „Willst du weiß oder roth, Jeannette?" Ach, das ist mir ganz gleichgiltig!" Unmuthig sah er sie an und grollte: „Es soll dir aber nicht gleichgiltig sein!" „Wirklich, nimm nur welchen du willst; es ist mir einerlei, was ich trinke", erwiderte sie ge ­ langweilt und gab die Suppe auf. In demselben Augenblick klingelte es heftig an der Vorgangsthür welche in Binders Wohnung führte. Man hörte darauf im Flur undeutliches Geflüster, leises Kichern, und plötzlich wurde die Thür des Eßzimmers weit aufgerissen. Ein bildhübsches, junges Mädchen, im Reiseanzug, blieb im Rahmen derselben stehen, breitete die Arme aus und rief: „Da bin ich! Ihr seid doch hoffentlich vor Freude außer euch?" „Siddy, Siddy! Blitzmädel, wo kommst du denn heute schon her! Sei willkommen, herzlich willkommen!" scholl es ihr kräftig entgegen. Der Amtsrichter war wie elektrisirt aufgesprungen und schloß die junge Dame herzlich in seine Arme. „Dank, Herzens-Onkel!" erwiderte {bie Be ­ grüßte mit etwas nasalem Tonfall. „Frau Majorin Ouanz reiste heute hier durch und da du mich absolut, so bald wie möglich, haben wolltest, bestimmte Mama, daß ich die günstige Gelegenheit eines guten Reisemarschalls benutzte, und — so bin ich da! Heisa! Entflohen dem Versauern in der Kleinstadt!" Jeannette war langsam näher getreten, reichte dem Gast die Hand und sagte mäßig freundlich: „Sei auch mir willkonmien-, liebe Nichte, lege ab, und nimm gleich vorlieb mit dem was wir haben." Das junge Mädchen richtete ihre dunklen, die Familie Binder kennzeichnenden Augen, freund ­ lich auf die Sprecherin und sagte bittend: Du mußt mir schon erlauben, dich nicht Tante, sondern Jeannette zu nennen. Unter der Be ­ ziehung : Tante, schwebt mir stets etwas Matronen ­ haftes vor, und nicht so eine hübsche, junge Frau, wie du ! Gelt, darf ich?" „Wie du willst, Sidonie. „Kommt jetzt, die Suppe wird kalt!" rief Binder und nahm eigenhändig das Reisefilz ­ hütchen vom welligen, kastanienbraunen Scheitel des Fräuleins. Wirr umgab ihr das Haar die niedrige Stirn; es war am Hinterkopf einfach zu einem Knoten verschlungen. „Bist noch immer derselbe Krauskopf Siddy," sagte der Amtsrichter und strich ihr die Löckchen aus den Augen. „Und auch noch immer derselbe Toll- und Querkopf" erwiderte sie lachend „und werde dir dein Haus rum und dum kehren"; dann schob sie unvermuthet den neben ihr Stehenden mit beiden Händen in ein besseres Licht, sah musternd empor in sein Gesicht und erklärte halb neckend, halb ernst: „Aber d-u Onkel bist nicht derselbe geblieben! Was soll denn die 'garstige Sorgenfalte da zwischen den Augen? Die wollen wir mal so bald wie möglich beseitigen." Er lachte gezwungen und Jeannette warf einen heimlich-bestürzten Blick auf das Antlitz des Gatten. Die Hausfrau ließ ein drittes Gedeck auflegen, und bald war es dem jugendfrischen Gast ge ­ lungen, daß in dem bisher so stillen Raum herzliches Lachen erklang und daß selbst Jeannette nur mit Mühe ihre kühl gemessene Haltung be ­ haupten konnte. Plötzlich sagte die Angekommene: „Höre Jeannette, nimm dich nur in Acht, daß ich dir den Onkel nicht abwendig mache! Ich habe von jeher eine Vorliebe für ihn ge ­ habt!" Bei diesen Worten streichelte sie dem neben ihr Sitzenden die Hand und kicherte: „Eine richtige, Bindersche Riesenpfote!" „Und du hast das richtige Bindersche Schand ­ maul!" „O, nein! Das sowohl, wie die krumme Hakennase gehört in die Möringsche Sippe." In dieser neckischen Art führten sie die Unter ­ haltung bei Tische weiter und später wurde sie in derselben Weise fortgesetzt. Es ward lebendig im stillen Hause und Sidonie von Möring, welche die Gabe hatte, leicht heimisch zu werden, bedurfte nur weniger Tage, um sich vollkommen als Familienglied zu fühlen. In diesen wenigen Tagen wurde es Jeannette herzlich schwer, sich in der angenommenen Rolle einer langweiligen Frau zu behaupten; fast be ­ reute sie, so bereitwillig auf die Intrigue ihrer Herzensfreundin, Anna Löpel gegen ihren Max eingegangen zu sein. Ein gewisser Ehrgeiz, auch Eigensinn, trieb sie zur gewissenhaften Durch ­ führung der übernommenen Aufgabe; jedoch war sie froh, sich ihrem Gatten bald in ihrer wahren Gestalt zu zeigen. Freilich ahnte Jeannette nicht in welchem Grade ihr Max unter dem kühlen Wesen seines Weibes litt; sie kannte ihn zu kurze Zeit, um die stolze Verschlossenheit seines Herzens richtig zu beurtheilen. Da kam die Nichte dazwischen. Schön, jung und berückend liebenswürdig, stellte sie die schweigsame Tante sofort in ein ungünstiges Licht, und der Amtsrichter gab sich, nach der langen Oede seines Gemüthslebens, dem .Zauber ihres Wesens mit doppeltem Genusse hin.