301 der Bankbeamte und blickte forschend in's Antlitz des Freundes. „Gewiß; wer erst an einen ordentlichen Haus ­ halt gewöhnt ist, wird für kleine, nebensächliche Unordnungen hellsehend." „Das ist wahr: aber das meinte ich eben nicht. Du selbst bist anders!" Binder seufzte, strich mit der kräftigen Hand über die sich bedenklich erweiternde Nacktheit des Schädels und erwiderte zerstreut : „Findest du?" Darauf sprang er rasch empor, trat in die Thür und polterte: „Was ist denn das für eine Bedienung?! Kellner! Zwei Pilsener, und den Speisezettel!" Ein Kellner, welcher den Herren fremd war, brachte die gewünschten Dinge. Nachdem die Ankömmlinge sich etwas aus dem Speisezettel erwählt hatten, eilte der Befrackte davon und Löpel nahm sein Glas, stieß an dasjenige des Freundes und ermunterte: „Prosit, Amtsrichterchen! Auf daß du auch bald wieder der Alte bist. Sag' nur um Gottes Willen: wo hast du dein joviales Lachen ver ­ graben?!" Als Antwort erfolgte nur ein ablehnendes Kopfschütteln. „Nein, ich lasse diesmal nicht los! Hast du amtliche Verdrießlichkeiten? Oder kann ich dir in irgend einer Sache helfen?" Max Binder legte die Rechte wuchtig auf den Tisch; seine dunklen Augen schauten düster drein und er erwiderte in verhaltenem Groll: „Pah ! Ich helfe mir schon selber. Die Kirchen ­ stille in meinem Heim kann ich nicht mehr er ­ tragen; deshalb habe ich mir meine lustige Nichte, Sidonie von Möring eingeladen. Du kennst sie von der Hochzeit her. Ein brillantes Frauenzimmer!" Der Kassierer lehnte sich im Stuhl — auf welchem er Platz genommen — zurück; sein Ant ­ litz drückte Erstaunen aus; er trommelte mit der mageren Hand ungeduldig auf dem Tisch und fragte Verständnißlos: „Kirchenstille? — Nichte eingeladen? — Ich begreife nicht!" Der Amtsrichter drehte ingrimmig an seinem dichten Schnurrbart; plötzlich brach er heftig los, nur mit Mühe dämpfte er auf einen Wink des Kassierers die markige Stimme. „Ja, weißt du Richard, ich habe schon lange auf dem Herzen dir vor zu werfen, daß du mich hättest bei Zeiten davor warnen sollen, mich nicht an eine so kühle Natur wie Jeannette ist, zu binden; du kanntest sie doch genau." „Jeannette eine kühle Natur? — Ich dich warnen, dich, den Frauenkenner? — Ach, du scherzest! Und — Jeannette ist nicht kühl!" „Gut, zu deiner Ehre will ich glauben, du habest meine Frau ungenügend gekannt. Nur so viel will ich dir verrathen: von dem Phlegma — um nicht zu sagen — der Langweiligkeit, die sie in sich trägt, kannst du dir keine Vorstellung machen!" Der Amtsrichter, welcher, die Hände auf dem Rücken, erregt im Zimmer auf und nieder ge ­ gangen war, trat an den Tisch und leerte sein Glas hastig und in einem Zuge; unsanft setzte er es auf die Platte des Tisches und fügte in bitterem Sarkasmus hinzu: „Wenn sie wenigstens noch schmollte!" „Was?!" Richard Löpel warf einen ganz be ­ stürzten Blick auf den Freund; beklommen kam ihm über die Lippen: „Davon habe ich ja keine Ahnung; ich höre es zum ersten Mal!" „Sollst auch nichts weiter davon hören, mein Junge! Ist nicht meine Art. Will mich schon zurecht finden; aber — ich habe mir die Sache schöner gedacht!" Mit der ihm eigenthümlichen, wegwerfenden Handbewegung setzte er hinzu : „Ueberhaupt ist es mit dem Heirathen wie bei der Lotterie: die Gewinne kommen an die große Glocke, und die Nieten werden verschwiegen! — Richard Löpel war zu sehr benommen von deni, was er gehört; er kannte seinen verschwiegenen Max zu genau und wußte, daß, wenn er sich über eine heikle Sache äußerte, bei ihm alle Hoffnung sie zu bessern, verloren sei. Wortkarg saßen die Freunde beisammen und früher, als sie geplant, traten sie gemeinsam den Heimweg an. Mit einem mißgestimmten „Gute Nacht" trennten sich die Freunde. -st -st -st Es war zwei Uhr Mittags. Um diese Zeit ging das Ehepaar Binder zu Tisch. Das soge ­ nannte „stilvoll" wäre bei ihrer Zimmerein ­ richtung nicht angewandt gewesen, dagegen war sie geschmackvoll in jeder Beziehung. Die junge Hausfrau hatte sich — bis auf einen müden, gelangweilten Ausdruck ihres Ant ­ litzes — wesentlich zu ihrem Vortheil verändert. Das Haar, welches Krankheit ihr einst geraubt, trug sie wieder anmuthig geordnet und die vor ­ dem bleichen Wangen hatten einen zart rosigen Anhauch bekommen. Jedoch die auffallend gleich ­ gültige Miene paßte so wenig zu ihrem ganzen Wesen, daß man sich mit Bedauern davon ab ­ wendete. Das Paar ließ sich schweigend an dem solid gedeckten Tisch, im holzgetäfelten Eßzimmer nieder.