288 stell er Heinrich König, in seinem Werke „Ein Still ­ leben", bekämpften ohne Erfolg ein Uebel, das mit unregelmäßigen Blutergüssen den Körper zu er ­ schöpfen drohte. Zuletzt schickten sie den Leidenden ins Ausland. Der russische Hof und die Aristokratie sahen den Erzieher des Thronfolgers, den sinnigen Dichter, den liebenswürdigen Hofmann und Gesell ­ schafter, mit der verheimlichten Ueberzeugung scheiden, daß er nicht wiederkehren würde. Um einen alten Freund aufzusuchen, der sich eben bei einem in Hanau angestellten Forstbeamten aufhielt, kam Shukowsky in diese Stadt und ließ sich zur Berathung des Arztes Dr. Kopp über sein Uebel bestimmen. Der Doktor schlug eine Operation vor, die von geschickter Hand in der Schweiz glücklich ausgeführt wurde. Die erschöpfenden Blutverluste hörten auf und Shukowsky erholte sich rasch, sodaß er im blühendsten Aussehen nach Petersburg zurückkehrte. Seine Herstellung überraschte wie ein Wunder. Seitdem gingen Wallfahrten kranker Russen Jahr ­ zehnte lang jeden Sommer über Hanau, wo sie den Wunderdoktor aufsuchten, um Recepte und Anweisungen zu Bädern, Operationen oder Reisen zu empfangen. Und so konnte man damals Hanau wohl mit Recht als eine russische Krankenstation bezeichnen. „Die Russen stehen", wie Heinrich Koenig schreibt, „unter einem despotischen Klima, das ihr Erkranken mehr als ihr Genesen begünstigt. Mit dem Klima ver ­ schworen ist die. Lebensweise der Russen, gleich ihrer Literatur, eklektisch, indem sie die Genüsse und Gewohnheiten aller Länder zusammentragend sich die Fülle zur Mannigfaltigkeit nehmen. Man greift nad) allen Erzeugnissen milder Himmelsstriche, um sich gegen den nordischen Winter zu erhitzen. Mit hohen Flammen, bildlich zu reden, brennt der Lebens ­ genuß, doch die Asche davon rieselt in die Eingeweide. Hier ist der Herd aller russischen Krankheiten — der Skrofeln, der Gicht, der Hypochondrie". — Heinrich Koenig, welcher damals Finanzkammer- Sekretär in Hanau war, erwähnt in dem angeführten Buche „Stillleben" eine Anzahl hervorragender hod)aristokratischer ruffifd)er Dichter, Schriftsteller, Gelehrter, die theils in Hanau Heilung von obigen Leiden oder sonstigen sog. vornehmen Krankheiten suchten, theils in Begleitung ihrer Freunde erschienen waren. Unser hessischer Sä)riftsteller war mit ihnen durch Dr. Kopp bekannt geworden und verblieb auch später, nachdem sie wieder nach Rußland zurück ­ gekehrt waren, mit denselben in geistigem Verkehr. Er nennt u. a. Nikolaus Melgunow, die Fürsten Wjasemsky und Schewyrew, Turgenew, Baron Rosen, Jasikow, Kireewsky, den Fürsten Odojewsky u. s. w. Der Umgang mit diesen vornehmen Russen, namentlich mit dem gelehrten Nikolaus Melgunow, erweckte in Koenig Lust und Liebe zu russischer Literatur und so entstanden seine „Literarischen Bilder aus Rußland", die 1837 bei Cotta in Stuttgart erschienen, Glück machten uub sich den Beifall der bedeutendsten russischen Literaturen erwarb. — Auf Dr. Kopp wird eine jener Anekdoten, die „überall und nirgends passiven“, zurückgeführt. Eine reiche vornehme russische Dame kam nach Hanau und konsultirte den Dr. Kopp. Sie war eine „eingebildete Kranke" und quälte denselben mit ihren aügeblichen Leiden auf das Unbarmherzigste. Um sick) von ihr zu befreien, erklärte er ihr, daß das einzige Mittel sie zu heilen, der Gebrauch des Bades Ems wäre. Rasch entsä)loß sie sich, dorthin zu reisen, bat aber Dr. Kopp, ihr ein Empfehlungsschreiben an einen dortigen Arzt mit ­ zugeben. Bereitwilligst ging Dr. Kopp darauf ein und übergab ihr den Brief verschlossen. Die russische Dame plagte als echte Eva's Tochter unterwegs die Neugierde, sie öffnete den Brief und mit Ensetzen las sie die lakonischen Worte: „Lieber Kollege! Ich sende Ihnen in der Ueberbringerin zur ärztlichen Behandlung eine goldene Gans. Rupfen sie dieselbe, wenn es Ihnen Vergnügen macht." Von der Stunde an war die Russin von ihren eingebildeten Krankheiten ge ­ heilt. Sie ging nidjt nach Ems, kehrte vielmehr nach Petersburg zurück und bewegte sich frisch und gesund in den Salons der Aristokratie. — Dr. Kopp war klein von Figur, zur Korpulenz neigend, mit energisck)em Ausdrucke tut Gesichte, aber schielendem Blicke. Aeltere Hanauer werden sich seiner noch erinnern, wie er gravitätisch mit hohem Cylinderhute und großem, mit goldenem Knopfe versehenen Rohr ­ stocke, wie solchen damals die Aerzte zu tragen pflegten bei seinen Krankenbesuchen durck) die Straßen der Stadt wanderte. Der durck) seine Intelligenz hervorragende Herr, der über eine so reiche Fülle von Wissen und Können verfügte, soll übrigens, wie dies ja häufiger bei großen Gelehrten vorzukommen pflegt, von hochgradigem Selbstgefühle, von Recht ­ haberei und leidenschaftlicher Heftigkeit nicht frei ­ zusprechen gewesen sein. Er starb 1858. Der be ­ rühmte Vater hinterließ einen noch berühmteren Sohn.- den Professor der Physik und Chemie, Geheimen Rath Dr. Hermann Kopp, früher in Gießen, seit 1864 in Heidelberg. K- Z. Aus Heimath und Fremde. Es trifft sich gut, daß die heutige Nummer unserer Zeitschrift, in welcher unter den „Lebensbildern von Marburger Professoren" von Friedrich Münscher ein Artikel über Sylvester Jordan enthalten ist, durch ein Gedicht von dessen Enkel, dem Chef der Finanzen zu Oaxaca, im Staate Mexico, Ricardo Jordan eingeleitet wird. Derselbe hat uns vom Anbeginne des Bestehens unserer Zeitschrift eine sehr freundliche Gesinnung entgegengebracht, wiederholt hat er uns mit schätzenswerthen Beiträgen erfreut, wofür wir