286 um Anordnungen für den Mittagstisch zu treffen. Der Amtsrichter sprach selbstverständlich, so oft wie möglich, bei Löpels vor, und als er im Laufe des Tages einmal zufällig einige Zeit allein mit dem Freunde im Zimmer war, fragteer: „Sage mal, Richardus: was wird denn später ­ hin aus unseren Zusammenkünften bei Howald? Wollen wir sie fortsetzen?" „Dürfen wir sie "fortsetzen? mußt du sagen Freundchen! Bis jetzt war deine rechtzeitige Abfahrt mit dem Zuge ein triftiger Grund bei Howald einzukehren. Aber . . . ." „Ja, der fällt allerdings bei meiner dem- nächstigen Uebersiedelung nach hier fort; dennoch hoffe ich — wenn auch nicht beide Abende — so wenigstens einen Abend der Woche mit dir im Eckzimmerchen bei Howald zu verplaudern." „So?!" Löpel zwinkerte dem Freunde fuchs ­ listig zu und stichelte: und das nennen wir denn: „Ich habe heute Sitzung," nicht so?" Der Amtsrichter lachte hell auf, legte die Hände um's Knie des übergeschlagenen Beines, lehnte sich im Sessel zurück und erwiderte: „Wäre die richtigste Bezeichnung, und impvnirt den Frauen stets durch ihren würdevollen Ernst." „Ich würde den Samstag vorziehen" erklärte der Kassierer freimüthig. „Weshalb?" „O, du noch uneingeweihter Glücklicher!" rief Löpel in drolligem Ernst. „Du weißt noch nicht, daß ein Ehemann Samstags in seiner Häuslich ­ keit Flügel haben müßte, um ohne Anstoß über Schrubbeimer, Putzlappen und dergleichen fort zu schweben! Das ist jedoch nur e i n Grund; der zweite ist: daß wir. wenn die Sitzung sich etwas lange hinziehen sollte, einen Ruhetag vor uns haben." „Deine Gründe sind stichhaltig; wühlen wir also den Sonnabend." — Nach diesem letzten Beisammensein im Löpel'- schen Hause wurde der Freundeskreis auf längere Zeit getrennt. Die Versetzung und Heirath des Amtsrichters, seine Hochzeitsreise und Flitter ­ wochen drängten sich trennend zwischen jede Ein ­ kehr bei Howald. Endlich an einem naßkalten Juli-Abend traten die Freunde gemeinsam in das für die „Sitzung" reservirte bekannte Eckzimmer. (Forts, folgt.) ■S-Ä-J- Aus alter und neuer Zeit. Die Belagerung von Valenciennes. An dem Kriege Deutschlands, welcher nach Ausbruch der französischen Revolution von 1789 gegen Frankreich stattfand, hatte, wie allgemein bekannt ist, auch der Landgraf von Hessen-Kassel Theil genommen, indem derselbe in Folge einer am 26. Juli 1792 mit Preußen abgeschlossenen Konvention ein Korps von 6000 Mann stellte. Es gehörte hierzu außer anderen Truppentheilen das landgräflich Hessen-Kassel'sche Füsilier-Regiment von Loßberg, dessen Standquartier Rinteln war. Als Quartiermeister dieses Regiments war George Ludwig Christian Heuser bestellt, welcher als solcher auch schon den amerikanischen Krieg mit ­ gemacht hatte. In jenem Kriege mit Frankreich kam es im Som ­ mer 1793 unter anderem auch zur Belagerung der befestigten StadtValenciennes (im Departement Nord). Unter den nachgelassenen Papieren des vorerwähnten Regiments-Quartiermeisters findet sich ein von dem ­ selben au seine Angehörigen in Hessen (Holzheim bei Niederaula) gerichteter Brief vor, welcher in Bezug auf jene Belagerung von Valenciennes von allge ­ meinem Interesse sein dürfte, daher er hier mit ­ getheilt werden soll. Er lautet wörtlich, wie folgt: „Aus dem Lager bei Valenciennes am 27. Juli 1793. Seit unserer Ankunft vor Valenciennes hat das Bombardement unaufhörlich fortgedauert, und ist vieler Menschen Leben verloren gegangen, doch hat das hessische Korps wenig gelitten. Vorgestern (25. Juli 1793) habe ich den merkwürdigsten Tag meines Lebens erlebt; selbst das unter meinen Augen aufgeflogene große Kriegsschiff und den erlittenen Sturm, wo zwei Kompagnien von Loßberg vor meinen Augen unter ­ gingen, mit einbegriffen. Dieser Tag war nämlich dazu bestimmt, um Minen zu sprengen und mit Sturm einen bedeckten Weg einzunehmen. Das Vor ­ haben wurde geheim gehalten und die Ausführung war Abends um 9 Uhr bestimmt. Da ich davon unterrichtet war, ging ich an einen Ort, wo ich Alles mit ansehen konnte, was vorging. Der Feind merkte nichts. Das Signal zur Attaque war die Sprengung der ersten Mine, diese erfolgte gleich nach 9 Uhr; eine solche Explosion könnt Ihr Euch nicht denken, alle Steine wurden in die Stadt geschleudert, die aus ­ gestoßene Erde füllte größtentheils den Graben, durch welchen die Stürmenden mit Hülfe von Faschinen gleich vorrückten. Zu gleicher Zeit fing ein solches Bomben- und Kanonen-Feuer aus allen Batterien an, daß die Erde unter mir erbebte. Nun sprang