272 hatte kurz nach seinem Regierungsantritte die Kölner- Wirren geschlichtet, den Erzbischof von Köln, Clemen August Graf von Droste-Vischering, aus der Haft befreit, das hatten ihm die Geistlichen nicht vergessen. Unter den in Münster erschienenen Bischöfen befand sich auch der neue Bischof von Paderborn: Dämmers, welcher hier dem Könige seine Huldigung darbringen wollte. Bei der Inthronisation dieses Bischofs war Bischof Johann Leonard P f a f f von Fulda betheiligt gewesen. Er verblieb daselbst noch einige Tage und wurde von seinem bischöflichen Kollegen Dämmers eingeladen, mit zur Huldigungsseier nach Münster zu reisen. Bischof Johann Leonard Pfaff war dem Könige Friedrich Wilhelm IV. wohlbekannt. Er hatte auf Ersuchen des Königs Ludwig I. von Bayern eine Vermittlerrolle in dem Kölner Zwiste übernommen und war wohl auch früher schon mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen in Beziehung gekommen. So konnte es denn auch nicht fehlen, daß er sowohl zu dem glänzenden Feste, welches die Stadt dem König gab, als auch zu der großen Cour zugezogen wurde. Hier wurde er durch den Bischof Dämmers dem Könige vorgestellt. Dieser unterhielt sich auf das Leutseligste mit dem Bischof von Fulda über die am 17. August 1842 erfolgte Einweihung des Bonifatiusdenkmals zu Fulda, jener Meisterschöpfung des genialen hessischen Bildhauers Werner Herrschet, zu deren Errichtung der kunstsinnige König wesentlich beigetragen hatte. Bei dieser Ge ­ legenheit kam auch der Verlust des Bischofsringes zur Sprache, den Bischof Pfaff bei der feierlichen Ent ­ hüllung des Denkmals erlitten. Mit diesem Verluste verhielt es sich aber wie folgt: Während der Pro ­ zession durch die Straßen der Stadt bei der Ent ­ hüllungsfeier des Denkmals hatte Johann Leonard Pfaff den Bischofsring über dem Handschuh getragen. Der Ring konnte so nicht fest schließen und war wahrscheinlich bei einer Handbewegung dem Finger entglitten. Zwei Tage später erhielt Bischof Pfaff den Ring vom Oberforstmeister Freiherrn von Bibra in Romrod bei Alsfeld zugesandt. Der Kutscher des letzteren hatte ihn in der Nähe des Denkmals auf der Straße gefunden und ihn zu Romrod seinem Herrn abgeliefert. Da der Ring etwas gedrückt war, so mußte er erst reparirt werden und der Bischof bediente sich einstweilen eines anderen aus der Zahl der im Domschatze vorhandenen Bischofsringe. Der Vorfall hatte damals Aufsehen erregt und war in den Zeitungen besprochen worden. Auf diese Weise war er auch zur Kenntniß des Königs von Preußen gelangt. Als nun während der Unterredung der König des Ringes an der Hand des Bischofs an ­ sichtig wurde, fragte er nach jenem Vorfalle und wünscht zu erfahren, wie es gekommen sei, daß der Bischof diese kirchliche Jnsignie überhaupt habe verlieren können. Der Bischof antwortete, daß er die Thorheit be ­ gangen, den Ring über den Handschuh zu tragen re. Als das Wort „Thorheit" gefallen war, sagte der König: „Begehen denn auch die Bischöfe Thorheiten?" Kurz resolvirt erwiderte Bischof Pfaff: „Majestät! das passirt nicht allein den Bischöfen, sagt doch schon der alte heidnische Dichter Horatius: (juiäguiä de—. u Weiter kam der Bischof nicht, der König siel ihm alsbald in's Wort: „Weiß schon, weiß schon", aber Sie haben Recht, Excellenz!, auch die Fürsten sind von menschlichen Thorheiten nicht frei." Spracht und wandte sich lächelnd grüßend zu einem anderen der zur großen Cour Erschienenen. Die freimüthige Antwort des Fuldaer Bischofs war in Münster viel besprochen worden. Der dort befindliche kurhessische Obersinauzrath Carvacchi meldete sie nach Kassel und so erfuhr sie auch der Kurfürst. Auf der Rückreise nach Fulda kam Bischof Pfaff nach Kassel. Er machte dem Kurfürsten seine Aufwartung, wurde zur fürstlichen Tafel befohlen und hier von dem Landes ­ herrn über seine Begegnung mit dem Könige von Preußen gefragt. Der Bischof erzählte den Vorfall wortgetreu und citirte dabei den horazischen Vers vollständig, der bekanntlich lautet: tzuickguiä deliruut reges, plectuntur Achivi. Zu Deutsch, hier dem Sinne nach: „Was immer für Thorheiten die Könige begehen, die Völker müssen darunter leiden." Der Dichter I. G. Seume hat den Vers freilich in seiner Jugend etwas anders übersetzt, nämlich: „Wenn sich die Könige raufen, müssen die Bauern die Haare lassen." Der Kurfürst, welcher den Sinn des Verses wohl kannte, wandte sich an seinen Leibarzt Dr. Bäumler, jedenfalls um denselben, wie er gern zu thun pflegte, in Verlegenheit zu bringen, mit den Worten: „Verstehe den Vers nicht, bitte ihn zu übersetzen, Herr Geheimer Hofrath!" Ohne sich weiter zu besinnen, erwiderte der Leibarzt mit be- wundernswerther Gewandtheit und Schlagfertigkeit: „Wenn die Fürsten über die Schnur hauen, sollen's die Leibärzte wieder gut machen." Der Kurfürst lachte und soll selten bei der Tafel so aufgeräumt gewesen sein, wie gerade bei dieser Gelegenheit. A« <?• Kleider inachen Leute. In bcu nächsten Jahren nach dem siebenjährigen Krieg brach eines Abends in den Straßen der Stadt Marburg eine arge Schlägerei zwischen Handwerksburschen aus. Als die Kunde davon auf die Hauptwache gelangte, sendete der wachthabende Offizier sofort eine Patrouille unter der Anführung eines Unteroffiziers aus mit dem Befehl, alle verdächtig aussehenden Leute, welche ihnen auf der Straße begegnen würden, zu verhaften und auf die Hauptwache abzuliefern. In der That brachte auch die Patrouille bei ihrer Rückkehr einige etwas sonderbar aussehende Leute mit und lieferte diese auf die Hauptwache ab. Darauf ließ der Lieutenant die