— 253 „Bleiben Sie noch längere Zeit hier, Fräulein Munk?" fragte er beim Abschied. „Leider, nein: Ich denke Ende der nächsten Woche abzureisen." „Ja, Max, du mußt unbedingt noch einige Male kommen, so lange Fräulein Jeannette hier ist. Der Quartettabend hat mir zu gut gefallen!" Mit diesem Wunsch entließ der Hausherr den Freund. — Und Max kam, kam mit sichtlichem Vergnügen, oft, recht oft; ja, er hatte sogar nicht das Geringste dagegen die mittwoch- und sonnabend ­ lichen Zusammenkünfte auch in die Löpelsche Wohnung zu verlegen. Schließlich vereinte er seine Bitten mit denen des Ehepaares und suchte die Freundin zu bestimmen, daß sie ihre Abreise noch bis zum Geburtstage der Hausfrau auf ­ schieben sollte. Man besuchte sich also fleißig weiter, sang Quartetten, war heiter und vergnügt, und am Vorabend des Geburtstages holte der Amtsrichter Jeannette Munk sogar aus dem Theater ab. „Du, Richard, merkst du was?" sagte Frau Anna zu ihrem Gatten, als der Hausfreund gegangen war, „die beiden Leutchen denken, wir sind mit Blindheit geschlagen!" „Wieso? Worin denn?" „Ach, verstelle dich doch nicht so!" „Ich verstehe dich wirklich nicht!" Löpel war förmlich aufgeregt, denn er dachte nur an einen Verrath seiner Geburtstagsgeschenke. „Na, dann bleibe du ein blinder Hesse; ich bin nicht unvorbereitet." Als dem Hausherrn endlich ein Ahnen des Angedeuteten aufdämnierte, traten die Erwarteten mit fröhlicher Miene ein und verhinderten jedes weitere Aussprechen. — So war denn der Tag heran gekommen, welcher die hübsche blonde Frau Löpel um ein Jahr älter werden ließ. Die Sonne (auch die Februarsonne kann zu ­ weilen Macht gewinnen) fand ihre besondere Aufgabe darin diesen Tag zu verherrlichen; sie drängte sich in alle Spalten, huschte in alle Ecken, um auf jeden Gegenstand des Löpelschen Hauses einen goldnen Schimmer zu werfen; und nachdem sie auf diese Weise einen wahren Festraum daraus gezaubert, überhauchte sie auch das nie ­ mals mehr schmollende Geburtstagskind wie mit einer goldnen Strahlenkrone. Abends sollte sich eine kleine Gesellschaft in dem Festraum zusammenfinden, nur der Amts ­ richter wurde schon als Mittagsgast erwartet, damit die Kinder doch auch ihr Theil am Freuden ­ feste hätten. Der Amtsrichter kam. Alle waren an der kleinen Familientafel vereint. Die Sonne that das Ihre. Geburtstagsblumen streuteil herrlichen Duft aus; süßer Kuchengeruch wetteiferte mit diesem, und die Kinder hatten ihre Sonntags ­ kleider an. Beim Braten erhob sich der Amtsrichter, klopfte an sein Glas und begann: „Ich habe die angenehme Aufgabe das Wohl des verehrten Geburtstagskindes auszubringen. Es widerstrebt meiner Natur, mich in schwülstigen Redewendungen zu ergehen, und etwa: von der Sonne des Hauses, oder ähnlichen Vergleichen, zu sprechen; sondern ich sage gerade heraus: mir ist die Frau die liebste, welche nicht schmollt, oder sich das Schmollen abgewöhnte. — Und wenn wir es recht überlegen: worüber schmollen die verehrten Hausfrauen in den meisten Fällen? Ich sage: häufig um ein „Nichts". Ich gebe ja zu, daß es Tage giebt, wo uns die Fliege an der Wand, oder Zigarrenasche am ungehörigen Ort, oder auch Schmutztrappen auf dem Teppich, ärgern." (Hier erröthete Frau Anna.) „Ailch ist es begreiflich, daß in diesem Stadium nicht gut Kirschen essen mit uns ist; aber unterkriegen dürfen wir uns von dieser Stimmung nicht lassen; und wenn wir uns späterhin über den Grund unseres Unmuthes fragen, müssen wir über die Erbärmlichkeit des ­ selben lächeln." (Das Geburtstagskind blickte verwundert auf den Redner.) „Denn wahrlich was ist eine Fliege? Antwort: Ein Insekt, welches sich uns, wenn wir ein Mittagsschläfchen halten wollen, beharrlich auf ein und denselben Fleck, etwa die Nasenspitze, setzt. UndwasistZigarrenasche? Antwort: JnWahr- heit ein Nichts; oder doch nur noch Atome eines verflüchtigten Etwas, an welchem noch dazu das Mißtrauen klebt; es könnte eine zu billige oder eine Zigarre ohne Lust gewesen sein. Und — das genügt! — Und die Frage: „Was ist etwa ein Schmutz ­ trappen auf dem Teppich?" beantworten wir uns einfach dahin: Nur eine Vorbereitung für die vielen Spindlerschen Filialen. Und der Mann will doch auch leben! — Setzen wir gegen die geringwerthigen Eigen ­ schaften dieser Unmuths-Erzeuger die folgen ­ schwere des sich wiederholenden Schmollens einer Hausfrau, welches auf die Dauer jedes Familien ­ glück zerstört, so eröffnet sich dem denkenden Menschen eine traurige Perspektive." — Hier wendete der Redner sich an Frau Anna. — „Nachdem ich meine Anschauung in dieser Sache unverhohlen ausgesprochen, werden Sie, ver ­ ehrtes Geburtstagskind, begreifen, wie sehr es mich erquickte, wenn ich Sie bei meinen in letzterer Zeit allzuhäufigen Besuchen hier im gast ­ lichen Hause stets in sich gleich bleibender guter