223 schiedene Umstände, Zugverspätung u. s. w. bereits weitvorgeschrittene Zeit allzu reichlich ausgefallenen Mittagsmahls wurde der Berg zur Besichtigung des Schlosses erstiegen, und hier fanden Alle durch die hier sich bietende, prachtvolle Aussicht in die wunder ­ bar schöne Gegend mit ihren Waldbergen reichliche Entschädigung für die nicht geringe Mühe des Auf- steigens. Da unter den obwaltenden Umständen hier die Zeit zur Rückfahrt mit der Eisenbahn sehr bald gekommen war, so konnte leider zur Besichtigung des von Landgraf Otto, dem Sohne des Landgraf Heinrich I. an dieser Stelle erbauten (Schmincke, Mon. Hass. II. 439) und mit einer starken Umfangsmauer umgeben gewesenen Schlosses, von dessen frühester Zeit der Hauptthurm noch erhalten ist, nur kurze Zeit verwendet werden. Aus diesem Grunde war auch Herr Heldmann, Pfarrer in dem benachbarten Michelbach genöthigt, seinen schätzenswerthen Vortrag über die Bedeu ­ tung Biedenkopfs und dessen Geschichte, sowie der Besitzer des Schlosses, von welchen auch Landau im 3. Band seiner Ritterburgen handelt, zum Bedauern der hier Anwesenden abzukürzen. Gegen 9 Uhr Abends traf man wieder in Marburg ein, wo sich alsdann in der Bahnhofsrestauration die von auswärts, zumeist aus Kassel, gekommenen Festtheilnehmer vor ihrer Rückreise in die Hcimath, nach Einnahme eines Abschiedstrunks von den Marburger Festgenossen verabschiedeten. W. A.-L. Dnß fünfzigjährige Stiftungsfest des Corps Hnsfo-Nasfovia zu Marburg. Bei der großen Anzahl von Angehörigen und Freun ­ den, welche das Corps H a s s o - N a s s o v i a in unserer engern Heimath Hessen besitzt, dürfte eine Schilderung der Festlichkeiten, mit welchen dasselbe sein fünfzigjähriges Bestehen in den Tagen des 13. bis 17. Juli 1889 beging, nicht ohne Interesse für einen Theil der Leser des „Hessenlandes" sein. — Als am 15. Juli 1839 elf Studenten der alma Philippina, unter ihnen die nachherigen Ehren ­ mitglieder des Corps, der praktische Arzt Emil Haupt, verstorben in Bad Nauheim, der Geheime Hofrath und ordentliche Professor der Physiologie Karl Ludwig in Leipzig und der Sanitätsrath Dr. med. Philipp Holzapfel in Oldendorf, zusammentraten, um ein neues Corps, die Hasso- Nassovia, zu gründen, ahnten sie wohl kaum, daß ihre Schöpfung einen so blühenden Bestand erhalten, daß im Lauf eines halben Jahrhunderts 5uO Marburger akademische Bürger im Schmucke der grün-weiß-blauen Farben jenen Tag als einen festlichen begehen und Zeit ihres Lebens betrachten würden. Manchen haben während der fünfzig Jahre die liebgewordenen Farben am Lorbeerkranz, welchen das Corps als letztes Erinnerungszeichen gespendet, zur ewigen Ruhe be ­ gleitet. Immerhin war es eine stattliche Anzahl Corpsangehöriger, 200 bis 300 nach oberflächlicher Berechnung, welche dem Ruf des aktiven Corps, mit ihm das fünfzigjährige Stiftungsfest zu feiern, Folge leisteten. Auf dem festlich geschmückten Bahnhof nahm das Corps, Chargirte und Füchse in vollem Wichs, die mit jedem Zug zahlreicher herbeiströmenden alten Herren in Empfang. Jubelnd theils, theils in weh- müthiger Freude begrüßten sich die gleichsemestrigen Corpsbrüder. Manche hatten sich seit Verlassen der Hochschule nicht wiedergesehen. Um so herzlicher war die Begrüßung. Schnell wich der philiströse Hut der grünen Mütze. Im Schmuck der Farben, wieder der geliebten Hochschule angchörig, wollte Jeder die altbekannten Straßen Marburgs betreten. Sie glänzten im Festschmuck. Wohin das Auge blickte, zeigten wehende Fahnen, Guirlanden, Tannen ­ reis den Hessen Nassauern, daß ganz Marburg die Freude seines Corps theilte. Nicht blos die Orts ­ angesessenen, auch die beiden noch auf der Hochschule bestehenden Corps Teutonia und Guestphalia, deren Waffen so oft sich mit denen des heute feiernden Corps gemessen, hatten durch Entfalten von Fahnen in ihren Farben zum Festschmuck beigetragen. — Wer Marburg seit Jahren nicht gesehen, war er ­ staunt über den Aufschwung, welchen die Stadt ge ­ nommen. Eine Menge neuerrichteter, stattlicher und stylvoller Gebäude, theils Universitätszwecken ge ­ widmet, theils Privaten gehörig, erregte die Auf- merksamkeit der einziehenden alten Herren. In dem nach Süden zu gelegenen Theil der Stadt mit seinen neuen breiten Straß, «anlagen wußten sich dieselben überhaupt nicht mehr zurechtzufinden. So hatte sich das alte traute Marburg verändert. Nicht minder erregte freudiges Erstaunen das neue Corps ­ haus. Mit seinem hohen luftigen Kneipsaal, dessen prächtige Einrichtung so sehr von der des früheren, niedrigen, tabakgeschwängerten Kneipzimmers am „Rothen Graben" absticht, mit seinen Veranden, von denen man eine entzückende Aussicht in das Lahnthal genießt, den kleineren, lauschigen Kneip- räumen und dem großen schattigen Garten, mochte das neue Besitzthnm in manchem alten Herrn den sehnsüchtigen Gedanken wachrufen: „Könntest Du noch einmal aktiv sein, noch einmal als junger Student die grün-weiß-blauen Farben tragen!" — Sonnabends Abends 8 Uhr vereinigte die Em ­ pfangskneipe alte Herren und Aktive im eigenen Heim, um das Fest in altgewohnter Weise einzu ­ leiten. Der Kneipsaal bot ein farbenprächtiges Bild. Selbstverständlich halten die Kartell- und befreun ­ deten Corps nicht verabsäumt, ihre Vertreter zur Jubelfeier zu senden. Da ein großer Theil der alten Herren den Wunsch geäußert hatte, das seltene Fest gemeinsam mit ihren Familienangehörigen zu feiern, so war der folgende