219 gaugeitcit Morgen nnd ihre kanin zu glaubenden Folgen. „Siehst du", sagte er zum Schlüsse, „es ist das beste Weib von der Welt, fleißig, ordentlich wie wenige, gesund, eine gute Mutter und Hausfrau, dabei anspruchslos; aber . . „Aber! sie hat ihre Brummtage!" „Ja, leider! Die kleinste Mißhelligkeit ruft bei ihr ganz nnmotivirtes Schmollen hervor, wovon sie sich daun nicht so rasch wieder los ­ reißen kann, und — diese Tage sind ganz nnansstehlich!" „Ja, das begreife ich." „Wahrhaftig, wir hätten alle Ursache glücklich zn sein. Die Kinder sind ans dem Gröbsten heraus; wir haben unser gutes Auskommen; aber dieses Schmollen, dies Empfindlichsein über eine Kleinigkeit kommt wie der Blitz aus heiteren Himmel, und fängt an, sich bedenklich oft zu wiederholen". „Obgleich es ja noch schlimmere Fehler giebt, ist's doch störend in der Ehe. Mußt's ihr ab ­ gewöhnen, der Frau Anna". „Leicht gesagt". „Ach, was! Ich wollte es ihr schon abgewöhnen. Aber das ist eben der Fehler, in den alle Ehe ­ männer verfallen. Schmollt die Frau — so wird besorgt gethan, ängstlich gefragt, am Ende noch gar getröstet." „Du hast klug reden! Habe mal erst 'ne Frau!" „Werde mich hüten! Jetzt aber in allem Ernst: Wie lange brummt deine Frau denn gewöhnlich?" „Manchmal zwei, zuweilen drei Tage, es ist auch schon vorgekommen, daß sie fünf Tage schmollend im Hause herum ging." „Na, höre mal, dann ist es aber höchste Zeit zu einer Radikalkur, sonst hast du es für immer verdorben!" „Mir wird selbst bange dabei, und es ist mir auch der Kinder wegen unangenehm". „Gewiß, gewiß! und vor allen Dingen macht mau sich das Leben doch nicht so uunöthiger Weise schwer". Der Beamte seufzte, und klemmte die Nase, die etwas laug und schmal ausgefallen war, verdrossen zwischen Daumen und Zeigefinger. Nach einigem Stillschweigen erhob sich der Amtsrichter, legte die Hände ans den Rücken und schritt mit gesenktem Kopf einigemal wuchtig in dem engen Raum auf und nieder, ungefähr so. wie ein gefangener Löwe im Käfig. Plötzlich blieb er vor seinem Freunde stehen, beugte sich über den schmalen Tisch, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sagte: „Jetzt gebe ich dir einen freundschaftlichen Rath, altes Hans: Fange gleich morgen eine Probekur au: Wenn deine Hausfrau schmollt, sei du am Tage teufelsmüßig lustig, und am Abend gehe obendrein aus". , „Das kaun ich nicht!" „Du mußt! Ich will dir zu Liebe auch die langweilige Eisenbahufahrt machen und dir die Zeit vertreiben." „Wem, ich fast den ganzen Tag außer dem Hause zubringe und ein behagliches Heim habe, mag ich mich am Abend, ausgenommen, wenn ich es dir zu Liebe thue, nicht in Restaurationen herumdrücken." „Es ist ja aber nicht behaglich bei dir!" „Das geht vorüber." „Nein, das wird immer schlimmer, glaube es mir!" „Du könntest am Ende recht haben, die Sache will überlegt sein", sagte der Kassierer und sah nachdenklich eine Weile vor sich nieder; dann richtete er sich willensstraff in die Höhe, trommelte mit der mageren Hand auf den Tisch und fügte schmunzelnd hinzu: „Gut, ich will auf deine Rathschläge eingehen; aber sehe ich, daß du dich auf die Erziehung der Frauen so gut verstehst, kannst du dich heilig darauf verlassen, daß ich mir einen Kuppelpelz frei bit toethteite“ „Hat keine Noth!" Der Amtsrichter winkte wegwerfend mit der großen Hand und zog die Uhr heraus. „Alle Wetter, ich muß eilen, sonst bleibe ich hängen!" „Ist's schon so an der Zeit?" „Die allerhöchste. Du kommst doch mit auf die Bahn?" „Natürlich." Beide Herren rüsteten sich schnell; der eine griff nach seinem Schlapphut, der andere erfaßte seinen halbhohen, braunen Filz und massiven Stock; sodann hoben sie die Portiere auseinander und durchschritten eilig den jetzt dicht besetzten Borraum. Wie ein Planet der Sonne, so folgte der Kellner mit der Serviette unter dem Arm den Herren bis zur Ausgangsthür, um diese dienst ­ eifrig aufzureißen; er hatte eine unbegrenzte Hochachtung vor der freigiebigen Hand des Amts ­ richters. Der Bahnhof war bald erreicht. Bei dem zweiten Glockenzeichen streckte Max Binder dem Freunde noch einmal die fleischige Hand znm Coupofenster heraus und sagte: „Adieu Richard! Also, auf morgen: Land ­ graf werde hart! Es wird so lange mit allen möglichen Gegenmitteln gekämpft, bis du mir sagst: sie schmollt nie mehr. Schade sonst um die hübsche Frau".