209 lichen Antrag, aber zu einem wohlgesetzten ausführlichen Schreiben an den Vater des Mädchens, den Herrn Dekan und Kirchenrath Gebhardt zu Kirchberg, einem zwischen Gießen und Marburg gelegenen Dorf. In diesem Schreiben bat er den Herrn Dekan um die Hand seiner Tochter Marie Sophie und erhielt nach einigen Tagen der Ueberlegung ihr Jawort. Nachdem dieser große Schritt gethan war, machte sich für den Herrn Professor alles Weitere von selbst. Das heißt: er that gar nichts, ließ es aber gern ge ­ schehen, daß die Braut und deren Eltern eine passende Wohnung suchten, in welcher auch der Schreibtisch und die Bücher des Gelehrten einen guten Platz fanden, daß sie für die Ausstattung sorgten und den Tag der Hochzeit auf den ln. Juli 1802 festsetzten. Und er kam endlich der große Tag der Vermählung. Alle Räume des Hauses waren festlich geschmückt, die Ver ­ wandten und Freunde halten sich pünktlich eingestellt, in der Küche herrschte ein geschäftiges Treiben, die Brautjungfern nebst der Braut harrten des Ganges zur Kirche und der Herr Dekan schritt im Ornat in seinem Zimmer auf und ab, noch einmal seine Trau- Rede überdenkend. Kurz alles war bereit; es fehlte nur — der Bräutigam. Man wartete in peinlicher Spannung, man schaute ungeduldig auf den Weg nach Gießen, die festgesetzte Stunde war längst vorüber; aber derjenige, ohne welchen die Feierlichkeit doch nicht stattfinden konnte, war immer noch nicht zu sehen. Da warf sich der Bruder der Braut auf ein Pferd, sprengte nach Gießen vor das Haus des künftigen Schwagers und eilte in das Innere. Ueberall laut ­ lose Stille und kein Mensch zu sehen. Endlich dringt er in das Allerheiligste, in das Studirzimmer. Und was sieht er? Da sitzt der Herr Professor im Schlaf ­ rock und Pantoffeln, umgeben von einem Wall großer und kleiner Bücher, und saugt, emsig wie eine Biene, aus ihnen den Stoff zu einem neuen Buch. „Aber um Gottes Willen wo bleiben Sie denn?" ruft der Eintretende. „Wissen Sie denn nicht, was für ein Tag heute ist?“ Verwundert erhebt sich Künöhl von seinem Stuhl und fragt: „nun was für ein Tag ist denn heute?* Jetzt konnte sich der junge Mann nicht mehr halten und schrie den Andern mit lauter Stimme an: „Es ist ja Ihr Hochzeitstag! Schon seit mehreren Stunden warten wir auf Sie!" Wie aus einem Traum erwachend, schlug sich der Professor vor die Stirn und rief: „Ach wie hat mich mein Studium beihört! Was muß meine Braut von mir denken! O mein Bester, helfen Sie mir, daß wir schnell nach Kirchberg kommen! Und sie kamen hin. Freilich war die Feststimmung tief gesunken. Die Braut trat dem vergeßlichen Mann mit verweinten Augen entgegen, die Gäste waren verstimmt, und die saftigen Braten waren ver- prötzelt; aber desungeachtet ging die Trauung ordnungs ­ mäßig vor sich, ja bei dem Hochzeitsmahl thaten die Weine diesmal ganz besonders ihre Schuldigkeit und begeisterten zu den heitersten Trinksprüchen. Was aber das Beste war, die Braut wurde später, nachdem sie den Schmerz über die Vergeßlichkeit ihres Ver ­ lobten verwunden hatte, an der Seite ihres herzens ­ guten Mannes eine glückliche Frau. K. W. Als ich in Nr. 8 (Jhrg. 1889) des Hessenlandes einige Aufzeichnungen aus 2 alten Kalendern (1573 und 1580) veröffentlichte, konnte ich als den Verfasser jener einen in der Gegend von Waldeck oder Naumburg damals ansässig gewesenen adlichen Herrn vermuthen. Wenige Tage nach der Ver ­ öffentlichung hatte der Herr Direktor des Großherzog ­ lichen Haus- und Staats-Archivs zu Darmstadt Dr. G. Freiherr Schenk zu Schweinsberg die Güte mich brieflich darauf aufmerksam zu machen, daß Landau bereits die Kalender gekannt und in seinen Samm ­ lungen zur hessischen Adelsgeschichte, die sich bekanntlich im Besitz der Landesbibliothek befinden, verwerthet habe. Landau bezeichne dieselben auf einem Blatte des Malsburgischen Aktenpacks als „Hertinghausensche". Eine Durchsicht der Landauschen Papiere bestätigte diese Angabe insoweit als thatsächlich das Blatt 82 unter der Ueberschrift „Hertingshn. Kalender 1580" 7 Einträge aus unsrem Kalender gibt. Die anderen Nachrichten scheint Landau, wie ich mich bei weiterem Nachsuchen überzeugte,nicht benutzt zu haben; ebenso scheint ihm der 1573er Kalender mit seiner Angabe über Elswet von der Malsburg entgangen zu sein. Herr Freiherr Schenk zu Schweinsberg vermuthet mit gutem Grund, daß Landau auf einen Hertinghausen als Ver ­ fasser deshalb gekonnnen sei, weil die Beziehungen zu den im Kalender angegebenen Familien sehr dafür sprächen. Der Umstand, daß der Verfasser in der Gegend von Naumburg gesucht werden muß, wo die von Hertinghausen damals, wenn auch nicht mehr Inhaber der Burg, doch reich begütert waren, stützt die Landausche Annahme. Nun bin ich in der Lage diese Vermuthung noch wahrscheinlicher zu machen. Ein Ausflug, dessen Endziel Schloß Waldeck bildete, führte mich vor wenigen Tagen durch Naumburg, und hier erfuhr ich, als ich in Erinnerung meiner Kalender das Gespräch auf die alten Namen der Umgegend brachte, aus dem Munde unseres trefflichen Wirths, des Herrn Friedrich Büding daselbst, — was ich auf der Niveaukarte des Kurfürstenthums Hessen vergebens gesucht hatte, — daß die „Mordtgrube" und der „Bolckenhagen", wo der Verfasser der Auf ­ zeichnungen Aecker besaß (s. Hessenland S. 120) sich als Flurnamen in der Naumburger Feldmark bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Unser Adlicher gehört also thatsächlich nach Naumburg. An wen sollte man da aber wohl eher denken als an einen Hertinghausen? Br. Scherer.