205 „Allgemeinen Deutschen Biographie", Bd. 20, Leipzig 1884. Die Biographien Mackeldeh's in diesen drei Werken haben wir vorzugsweise zu unserer obigen Schilderung benutzt. — (Der Artikel „Marburqer Pandektisten" wird fortgesetzt in zwangloser Folge. Zunächst kommt Konrad Büchel an die Reihe.) i* schmollt. Novellette von W. Friedrich sie in. „Sv, damit wären wir fertig, Friedrike!" Die schlanke Hausfrau rief es, und ließ den Blick zufrieden über das gereinigte Wohnzimmer gleiten. Obgleich es keine General-Reinmacherei, sondern nur die allwöchentliche Reinigung des Wohn ­ zimmers gewesen war, — unter Assistenz von Friedrike — hatte sie doch so viel Zeit in Anspruch genommen, daß noch am hellen Mittag ein Morgenhäubchen auf Frau Anna Löpels aschblondem Scheitel thronte. Da näherten sich plötzlich eilige Schritte und es wurde die Thür zum Wohnzimmer hastig aufgerissen. Die Hausfrau wehrte ab: „Hast du dir auch die Füße abgeputzt, Richard?" Diese Warnung, welche Frau Anna ihrem Gatten, dem Bank-Kassierer Löpel zurief, kam leider zu spät; denn der Angerufene hatte dem rein gewaschenen Fußboden, dem frisch gebürsteten Teppich, längst sein hausherrliches Stiefelwappen aufgedrückt; unwillig erwiderte er: „Laß' mich doch nur! Ich muß schnell eine wichtige Notiz aus meinem Schreibtisch haben," und stürmte weiter. Empört ries die Hausfrau: „Da quält man sich nun den ganzen Vormittag um nichts und wieder nichts! Kaum setzest du den Fuß in's Haus, so ist die ganze Arbeit dahin!" „Mach' doch nicht so viel Aufhebens um die paar Tappen!" sagte er geringschätzig und wühlte in seinem Schreibtisch herum. Aber, wenn der Teufel einmal sein Spiel hat, pflegen sich die Verdrießlichkeiten zu häufen. Sv auch hier. Der Bank-Kassierer hatte die Cigarre im Munde behalten, und das Bewußtsein, dem Director »och einen wichtigen Rechnungsabschluß vorlegen zu müssen, ließ ihm alles Uebrige nebensächlich erscheinen; so auch die Asche seiner Cigarre. Diese hatte denn auch nichts Eiligeres zu thun, als sich so recht boshaft loszulösen, und sich in behaglicher Breite auf dem gesäuberten Schreibtisch auszudehnen. „Daß ich den Zettel heute Morgen auch ver ­ gessen mußte!" ries Löpel eifrig suchend: „Gott sei Dank, da habe ich meine Notiz! Adieu Frau! Auf Wiedersehn!" Fort war er. „Herr du meines Lebens! Gnädige Frau, sehen Sie doch nur! schrie Friedrike, und schlug die Hände mitsammt dem Wischlappen darin zusammen. „Der Herr hat seinen ganzen Schreib ­ tisch mit Cigarrenasche bestreut!" Entrüstung spiegelte sich im Antlitz der Herrin, als sie wortlos näher trat, um die Verwüstung auf dem Schreibtisch zu betrachten; dann sagte sie elegisch: „Reinige ihn noch einmal Friedrike", und darauf setzte sie ihr bestes Brummgesicht auf. Der Gottlose hatte nicht einmal ein Wort zur Entschuldigung gehabt; das sollte ihm denn doch abgewöhnt werden! Ahnungslos kam der Uebelthüter bald darauf heim und sah mit Erstaunen, daß — seine Anna schmollte. Das war das Gräulichste, was ihm passiren konnte; in aller Herzensunschuld fragte- er auch noch: „Fehlt dir etwas, Anna?" Aber da kam er schön an! Ein Strom der allerungeheuerlichsten Redewendungen ergoß sich über den Sünder, sodaß seine Rücksichtslosigkeit ihm zuletzt pechrabenschwarz vorkam; und nach diesem Erguß wurde das hübsche Gesicht von Frau Anna Löpel wie versteinert. Das Gesicht kannte der Kassierer aus Er ­ fahrung. An diesem Ausdruck glitten alle Auf ­ merksamkeiten, Bitten, ja — selbst Zärtlichkeiten machtlos ab. Monoton, gewohnheitsmäßig, kani dann nur das Alleruothwendigste über die schmalen Lippen, und kein Lächeln zauberte ihm mehr die Grübchen in die Wangen. Ach, eine solche Sonnenfinsterniß des Hauses Löpel dauerte zuweilen tagelang. — Als der Bank-Kassierer Abends heimkehrte, traf er auf dein breiten Korridor mit seiner Frau zusammen; seine kleinen, grauen Augen forschten in ihrem Antlitz. Er hatte genug ge ­ sehen! Hut und Ueberzieher an den Kleider ­ ständer hängend, dachte er: Da möchte man doch gleich mit Keulen drein schlagen, sie brummt