173 nach Hause zu gehen, und zur Ausführung dieses Vorhabens schien ihnen in Heidelberg, wo sie eben- wohl wieder längere Zeit liegen mußten, eine passende Gelegenheit sich darzubieten. Hier hiel ­ ten nämlich die Offiziere einen Ball, der die ganze Nacht hindurch dauerte und zu dem die Militairmusik spielen mußte. Unter Anführung zweier Unteroffiziere, Gaß und Kammandel, rot ­ teten sich 250 bis 300 Mann zusammen und be ­ schlossen, in derselbigen Nacht abzuziehen, zugleich aber auch die Fahne mitzunehmen, damit man sie nicht für fahnenflüchtig erklären könne. Sie rückten vor das Quartier des Obristen, über ­ rumpelten den Posten, der vor dem Hause stand, überredeten ihn mitzugehen, holten die Fahne heraus und suchten sofort das Freie. Auch hatten sie zwei Trommler bei sich; von den Offizieren aber und der Musikbande, sowie von den Fuldaischen freiwilligen Jägern, die gleich ­ falls in Heidelberg lagen, hatte sich Keiner ihnen angeschlossen. Bis zum anderen Morgen, wo man ihren Abzug gewahr wurde, hatten sie schon einen Vorsprung von mehreren Stunden. Die Offiziere waren nicht gewillt ihnen nachzusetzen, theils weil sie vom Balle noch einen dicken Kopf hatten, theils weil sie sich nicht auf ihre Leute verlassen konnten; auch marschirten die Deser ­ teure nicht auf der Landstraße weiter, sondern auf Seitenwegen, vermieden namentlich solche Orte, wo Garnisonen lagen, wie Frankfurt und Hanau, gingen vielmehr durch den Vogelsberg und gelangten endlich über Lauterbnch, Landen ­ hausen und Haimbach in die Nähe von Fulda. Der damalige Stadtkommandant, Obrist von Buseck, von der Sache in Kenntniß gesetzt, er ­ schrak nicht wenig über das unerhörte Beginnen. Er ließ sofort das Paulusthor, das Schulthor, das Wilhelms- und Kohlhäuserthor schließen und von einigen Veteranen, die ihm eben zu Gebote standen, mit geladenen Gewehren bewachen. In ­ dessen kamen die Landwehrleute durch die anderen Thore, die nicht verschließbar waren, trupp ­ weise in dm Stadt herein und sammelten sich auf dem Domplatze. Von da zogen sie zu dem Hause des Obristen, brachten ihm die Fahne und er ­ boten sich, eine Wache vor das Haus zu stellen. Die erstere nahm der Obrist an, die letztere lehnte er ab. Nun verlangten und erhielten sie bei den Bürgern Quartier und wurden zum Theil von diesen gern aufgenommen. Am ersten und zweiten Tage trieben sie sich lustig auf den Straßen und in den Wirthshäusern herum und waren munter und guter Dinge; aber schon am dritten Tage änderte sich die Situation. Die Besatzungen von Frankfurt, Aschaffenburg und Hanau waren zusammengezogen und den Ver ­ wegenen nachgesendet worden und rückten mit zwei Feldkanonen in Eilmärschen nach Fulda vor. Die Deserteure, denen es bang wurde, als sie den Ernst ihrer Lage erkannten, sammelten sich mit den Waffen wieder aus dem Domplatze. Alsbald waren sie von allen Seiten umzingelt. Die zwei Kanonen wurden mit Kartätschen geladen und vor ihnen aufgepstanzt. Der Obrist von Buseck forderte sie nun auf, die Waffen abzulegen und sich zu ergeben. Sie verlangten Bedenkzeit. Man bewilligte ihnen eine Frist von zehn Minuten, nach deren fruchtlosem Ablaufe sie zusammen ­ geschossen werden würden. An Widerstand war nicht zu denken, das sahen sie ein; darum er ­ gaben sie sich auf Gnade und Ungnade. Sie wurden sofort entwaffnet, als Gefangene ab ­ geführt und vorerst in der Kaserne, im alten Zeughause und in den Räumen des vormaligen Zuchthauses untergebracht. Die Rädelsführer wurden in die Kasematten der Hauptwache ein ­ gesperrt, dann unter scharfer Bewachung nach Frankfurt gebracht und vor ein Kriegsgericht ge ­ stellt. Einer derselben, Kammandel, hatte sich jedoch, nichts Gutes ahnend, schon am Tage vor der Kapitulation aus dem Staube gemacht, soll nach Holland, von da nach Batavia gegangen und dort gestorben sein. Das Kriegsgericht ver ­ urteilte die Urheber und Anstifter der Desertion zum Tode durch Erschießeu. Wegen der Eigen ­ thümlichkeit des Falles aber, da sie buchstäblich genommen die Fahne nicht verlassen hatten, auch nicht aus Feigheit, sondern aus Huuger und Noth davongegangen waren, wurde die Todes ­ strafe nicht vollzogen, sondern in Spießruthen ­ laufen umgewandelt. Die übrigen Landwehr ­ leute wurden als Verführte betrachtet, in kleineren Abtheilungen nach Poppenhausen, Brückenau und Hammelburg verlegt, hier noch eine Zeit lang im Dienste behalten und dann in ihre Heimath eutlassen. Fernweh. Nur fort, nur fort, ich seh' die Wolken ziehen Und dort der Vögel ruhelose Schaaren, Das Frühroth über fernen Bergen glühen, Auch ich muß fort, mich faßt es bei den Haaren. Hier ist die Sonne kalt, das Licht so trübe, Es friert mich so, ich möchte Feuer trinken, Die Menschen sind so arm an wahrer Liebe, Und jenseits scheint ein Paradies zu winken.