152 aussah, wie ein Gnom, ganz zusammengeschrumpft, mit einem dicken Kopf und rothen Haaren. Das war mein Freund Heine — mit seinen durch ­ sichtigen Fingern schlug er sich eines der geschlossenen Augenlider in die Höhe, sah mich an und stöhnte: Ja, du bist es, alter Junge! — und dann: Cham ­ pagner Mathilde! Nun sollen die lustigen Tage, die wir in Göttingen und Kassel und Hamburg verlebt, wieder neu 'emportauchen! Weißt Du noch, „da saß ich armer Jüngling zu Kassel auf der Wache! u — Mir wurde es dabei ganz närrisch zu Muthe, denn nun ging das liebe Leben wieder los und außer der Stimme war an dem lieben, alten Burschen, den ich wegen seiner gottlosen Denkungsart vor vierzig Jahren so manchmal durchgerammelt hatte, absolut nichts mehr- übrig geblieben!" So erzählte Armand, unstreitig in der amüsantesten Weise Wahrheit und Dichtung untereinandermischend, sodaß man ihm Stunden lang zuhören konnte. Bezüglich seiner Behauptung, Heine, welcher von Göttingen ans in seinem — Strubbergs — väterlichen Hause in Kassel häufig verkehrt, wegen seiner irrreligiösen Ansichten durchgeprügelt zu haben, sei erwähnt, daß Armand oftmals seinen christlichen Standpunkt betonte und darin soweit ging, daß er zu Anfang der achtziger Jahre ernstlich den Gedanken aussprach, eine Eingabe an den Reichstag zu machen, in welcher er Protest gegen verschiedene Mitglieder desselben erheben wollte, da dieselben notorische Atheisten seien und ans diesem Grunde nicht in die Volksvertretung eines christlichen Staates gehörten. Bei meiner Bekanntschaft mit Armand war es natürlich, daß ich ihm, dem alten, gewiegten Ro ­ mancier, meine ersten novellistischen Versuche zur Durchsicht gab, aber er war von der einfachen Er ­ zählungsweise in denselben wenig erbaut. „Mehr Peffer!" war seine ständige Ermahnung, „das ist Alles recht schön und gut, aber — mehr Peffer!" Trotzdem, daß die Erzählungen für seinen Geschmack zu wenig gepfeffert waren, gab er mir Empfehlungen an den Verlagsbuchhändler Werner Grosse in Berlin und an die Bohemia in Prag, deren Chefredakteur- sein langjähriger Freund und in deren Verlag auch eines seiner Werke erschienen war. Er ließ es mir nie an seinem Rathe fehlen, der aber fast immer damit schloß, vor allen Dingen gegen die Buch ­ händler auf der Hut zu sein. Sein Miß ­ trauen gegen den unberechtigten Nachdruck feiner Schriften war so groß, daß er, wenn eines seiner Bücher sich im Druck befand, in die Offizin ging und allabendlich die Formen versiegelte. In vielen seiner Romane liest man auch am Schluß eines jeden Bandes eine etwa dahin lautende Anmerkung, daß, wenn hin und wieder ein Buchstabe verkehrt gesetzt sei, dies auf keinem Versehen der Druckerei beruhe, sondern auf Veranlassung des Verfassers ge ­ schehen sei; der Grund zu dieser seltsamen Mani ­ pulation lag wiederum darin, daß er durch dieselbe jeden Nachdruck leicht erkennen wollte. Von der Schlagfertigkeit Strubberg's, wenn ihm Jemand „an den Karren kam", mag die folgende kleine Geschichte ein Beispiel geben. Als er nach seiner Zurückkunft aus Amerika häufig im Hotel Schombardt verkehrte, bemerkte er, daß einem bet* Herren, welche ihn an ihren Tisch eingeladen hatten, seine Anwesenheit nicht besonders zu behagen schien. Eines Tages nun saß er in einer sehr distinguirten Gesellschaft gerade neben jenem Herrn, als die Rede auf seinen Mantel kam. „Ihr Mantel, lieber Strub ­ berg", sagte ein höherer Offizier, „muß doch recht viel erzählen können, da er seit Jahren Ihr treucr Reisebegleiter gewesen ist." — „Ja wohl", erwiderte Strubberg, mit lebhafter Armbewegung auf seinen an der Wand hängenden Reitermantel deutend, „von dem alten Burschen kann man auch bald singen „Schier dreißig Jahre bist du alt, hast manchen Sturm erlebt!" Die Prairie hat er mit mir durch ­ flogen, anr Wachtfeuer hat er mit mir gelegen, Noth und Strapazen, Alles hat er mit mir durchgemacht, mein alter Mantel, das Interessanteste aber daran ist, daß das Zeug dazu mir vor Jahren hier in Kassel der Vater von unserm guten, lieben Herrn — und dabei schlug er den neben ihm Sitzenden kräftig auf die Schulter — „an der Elle abgemessen hat!" Mit dem „unverwüstlichen Kapitän" war eben nicht gut Kirschen essen. — Sind Armand's Romane jetzt auch nicht mehr so gelesen, wie früher, hier in Kassel wird die Er ­ innerung an den merkwürdigen Mann bei Allen, die ihn gekannt oder gesehen haben, nicht erlöschen. Möge das Grab des in stiller Zurückgezogenheit Dahingeschiedenen nie liebevoller Pflege entbehren! -f-XH- Maierrmorgen. Die kleinen Vögel singen, Es weht so mild die Luft. Von drüben die Syringen Versenden köstlichen Duft. Kein Wölkchen zu erblicken Am weiten Himmelsraum, Ein Morgen zum Entzücket:, Gleich einem Märchentraum. Und wie ihr Strahlenfeuer Die Sonne funkeln läßt, Ist jeder Tag uns Heuer Ein herrliches Maienfest. Kngo Wrunner.