74 — lief) nach dem Einzuge der Bundestruppen in Kassel am 1. November 1813 alle seine verdächtigenden und herabwürdigenden Angaben gegen den nun ­ mehrigen General Dörnberg wiederrief, ein solcher Mensch ist durch seine gänzliche Charakterlosigkeit genügend gekennzeichnet." Ich finde mich veranlaßt, hierauf folgendes zu er ­ klären : 1. Die von den Herren Göcke und Ilgen als „Schmähschrift gegen das hessische Heer" citierte bekannte Broschüre („Hessen vor dem 1. Novenlber 1806", Leipzig 1807) hat mein Bater gar ­ nicht geschrieben. Auch würde schon seine damalige wie spätere Politische Gesinnung die Möglichkeit dieser Autorschaft völlig ausgeschlossen haben. Der wirkliche Verfasser ist zwar niemals mit voller Evidenz ermittelt worden. Doch hat schon die vormalige „Hessenzeitung“ (1864 Nr. 98) referiert, daß „von anderer Seite" — als derjenigen eines Theiles der entlassenen vormaligen hessischen Offiziere — der vorhinnige Fähndrich im kurhessischen Regimente Landgraf Karl, Franz Hundeshagen, seiner Zeit „aus guten Gründen" als Verfasser benannt worden sei; wie denn der anonyme Autor der Broschüre auf dem Titelblatte der letzter» sich selbst als ehemaligen hessischen Offizier bezeichnet hat. — 2. Die Herren Göcke und Ilgen beschuldigen meinen Vater des „ehrgeizigen Streberthums". Gewiß ist die edle Zunft der „Streber", d. h. diejenige Menschengatlung, deren ausschließliches, mit allen, gleichviel wie beschaffenen Mitteln angestrebtes Ge ­ dankenziel es ist, etwas zu werden, bezw. mehr als man bisher war, zu werden, eine weitverbreitete, und zumal in unseren Tagen zu üppigster Blüthe entwickelt. Indessen hat es zu allen Zeilen auch ehrenwerthe Ausnahmen gegeben, und zu diesen gehörte mein seliger Vater. 3. Wahr ist, daß mein Vater in einem, im 19. Hefte der „Anekdoten und Charakterzüge aus den Kriegen von 1805 bis 1809", Leipzig bei Baum ­ gärtner, abgedruckten, „historische Nachrichten über die hessische Insurrektion" betitelten kleinen Aufsatze vom 1. Oktober 1809 zwar nicht „die Verdienste Dörnberg's in der gehässigsten Weise herabgesetzt", allerdings aber die Leistungen v. Dörnberg's als Hauptanführers jener Insurrektion einer abfälligen Kritik unterzogen hat; und ebenso ist wahr, daß mein Vater in einer spätern Erklärung vom 1. Nov. 1813 jene nachtheiligen Aussagen als auf Mißver ­ ständnissen beruhend wieder zurückgenommen, und mit dem Bekenntnisse, durch die frühere Veröffentlichung gefehlt zu haben, unter Anerkennung der fleckenlosen Persönlichkeit v. Dörnberg's, der Ehre desselben genug gethan hat. Aber weder das Eine noch das Andere ist auch nur entfernt geeignet, auf den sittlichen Charakter meines Vaters einen Schatten fallen zu lassen. Wenn ein junger 28 jähriger Mann wie es letzterer int Jahre 1809 war — so bald nach dein unerwartet unglücklichen Ansgange eines alle Seele nkräfte aufregenden Insurrektionsunter ­ nehmens, kaum dem .Tode entronnen, flüchtig im Exile lebend, und von den unmittelbaren Eindrücken dieser Erlebnisse noch ganz hingenommen, in Be ­ ziehung auf Veranlassung und Schuld des Mißlingens ein, dem Hauptleiter des Unternehmens zu nahe tretendes Urtheil gefällt und diesem Urtheil bei ge ­ gebener Veranlassung auch öffentlich Ausdruck ge ­ geben hat, so kann das, denke ich, nicht allzuschwer ins Gewicht fallen. Daß aber mein Vater dies Urtheil nachträglich als ein solches, durch welches dem Obersten v. Dörnberg Unrecht geschehen, erkannt und vier Jahre später offen vor den Zeitgenossen wieder zurück genommen hat, kann, wie selbst Lynker (a. a. O. S. 196) anerkennt, ihm doch wohl nur, zur Ehre gereichen. 4. Im Uebrigen läuft die Sachdarstellung des Herren Archivare im Wesentlichen darauf hinaus, und zwar weniger mittelst greifbarer, thatsächlich suln stanziierter itnb unter Beweis gestellter Behauptungen als durch vage und übelwollende Bemerkungen meinen seligen Vater dahin zu verdächtigen, daß derselbe dem damaligen westphälischen Gesunden, Baron von der Linden in Berlin „seine Dienste angeboten" und durch „stompromittierende" Mittheilungen „über an ­ gebliche Theilnehmer des Aufstandes in Hessen die Begnadigung König Jerome's zu erlangen gewußt" habe. Die Wahrheit ist folgende: Nach dem Mißlingen des Jnsurrektionsversuches vom 22. April 1809 blieb selbstverständlich meinem Vater, ebenso wie dem Obersten v. Dörnberg und andern Theilnehmern, nur die Flucht übrig. Es ge ­ lang ihm, nach einigen Wochen verborgenen Aufent ­ haltes an verschiedenen hessischen Orten, über Halle nach Berlin zu entkommen und dort ein weiter nicht angefochtenes, bis zum 22. Februar 181t) fortdauerndes Asyl zu finden. Verlangen nach dein Heimatslande und die Hoffnung, im Falle der Rückkehr seine nächsten Familienangehörigen weitern Verfolgungen enthoben zu sehen, *) hatten ihn schon im Oktober *) Sein hochbetagter Vater, Metropolitan Martin in Homberg war, obwohl bei der Insurrektion vollkommen unbetheiligt — die Angabe Lynker's S. 118, er habe „versucht, in einer begeisternden Rede die Nechtwäßigkeit des Aufstai'des darzulegen", ist absolut falsch — ward am 29. April 1809 verhaftet, im Kastell in Kassel, dann in der Festung Mainz gefangen gehalten, unter Sequestrirung seines Vermögens seiner Stelle beraubt und erst später als Pfarrer in Wolssanger wieder angestellt. Im Wesentlichen gleiches Schicksal theilte der Schwiegervater meines Vaters, Provisor Rommel in Homberg.