51 sowie die allgemeinen Darstellungen lassen uns völlig im Stich und alle bisherigen Erklärungen, die im Folgenden gesammelt werden, sind unhaltbar.- 1) Soll „Raspe" — nach CH. F. Schmincke (De vera epocha electionis et mortis Henrici Kas- ponis, Göttingen 1740), dem u. A. selbst noch Grote in seinen Stammtafeln S. 200 (1877) folgt — der Rauhe, der Tapfere, der Liebling des Mars heißen; doch findet sich kein derartiger Wortstamm in altdeutschen Dialekten. 2) Soll der Name vom Schlosse Raspenberg bei Weimar (vergl. Lohengrin, ed. Rückert S. 63, Vers 2494) herkommen, während das Verhältniß umge ­ kehrt ist, sonst müßte er „der Raspenberger" heißen. 3) Soll nach Rothes Düringer Chronik raspe für raste stehen, eine Wortverdrehung, die sich selbst verdammt, ebenso wie ein Beiziehen von Lateinisch asper (rauh) oder Niederdeutsch raske (schnell). 4) Rommel, Band I. der hessischen Geschichte, in den Anmerkungen Seite 200 (Nr. 8), denkt an eine „sonst unbekannte Herrschaft Rospe am Rhein", ohne die „Andern", welche vor ihm diesen Holzweg wandelten, genauer anzugeben. 5) Sinnlos ist die Anlehnung an das Wort „Raspel", d. h. Reibeisen, was schon Wachter, Ge ­ schichte Obersachsens 1819, III. 353, ablehnte. 6) Dürfen wir Raspe, d. h. der Raffer, nicht mit Zusammenscharrer, d. h. Geizhals, in Verbindung bringen, wie es Helbling IV., 435 (in Haupt's Zeirschr. f. d. A. 4, 108) Personifizirt gebraucht. Das würde für einen Ehrennamen schlecht gewählt sein. 7) Lilienkron's Deutung im Glossar zu seiner Ausgabe der Düringischen Chronik S. 723: gleich „schüchtern", ist sprachlich und sachlich bedenklich. Aufschluß über die richtige Deutung des Bei ­ namens Raspe gibt allein folgende Stelle des Wille ­ halm von Ulrich von dem Türkin, die nach Casparson's schlechter Ausgabe*) (Kassel 1781, Seite 18, Spalte 2 — Vers 6 bis 31) hier in sprachlich reiner Gestalt folgt.- (6) Der eilen rieh von Tuntunabri: Zukander hiez derselbe heit, Des pris so gar was uzerweit, Daz man in den Rasper hiez. 10 Swö her in strite sich verstiez, Da her mohte hän des swertes niht, — Diu aventiure von im gibt — Swö her kam in ein gedrenge, Da mäht her wit diu enge ; 15 Vil riter her üz dem satele zukte, Mit kraft her die vor sich rukte. — Die tät mohte man dicke sän — *) Hoffentlich erscheint in nicht allzu ferner Zeit dieses Gedicht, von dem die Ständische Landes - Bibliothek zu Kassel eine prächtig ausgestattete Handschrift besitzt, in längst erwarteter, würdiger Ausgabe durch den ersten Bibliothekar, Herrn Dr. E. Lohmeyer. Jeweih enwiste, waz im was geschön: Her valt ir vil mit den fuogen. 20 Des volk alle kolben truogen, Ketenen in bli gegozzen: Sin lant daz was beslozzen: — Daz gemerke gienc biz an die se — Sin kraft den heidenen tet vil we. 25 — Tet her in strite den re — (zu streichen!). Des kuninges lant was halbez wilde; Her was über maninc gevilde Gevarn durch den herzogen Beönet Von Portigal, der sin künde het. — 30 Den kuninc Loys bekante her niht. Nu höret, wen man mer hie siht! Dieser sonst unbekannte Zukander von Tuntunabri interessirt uns jedoch nur deshalb, daß auch er den Beinamen „der Rasper" führt und noch mehr, daß der Dichter denselben hier erklärt. Der kraftvolle Zukander von Tuntunabri hieß nämlich wegen seiner ausgezeichneten Tapferkeit „der Rasper", weil man von ihm sich erzählte, daß er öfter im Handgemenge sich so in die Feinde fest ­ rannte, daß er sein Schwert stecken lassen mußte. Aus dieser gefährlichen Lage rettete er sich dadurch, daß er mit den Armen um sich griff, feindliche Ritter aus dem Sattel zu seinen Füßen riß und sich so Luft schaffte, ohne daß die Besiegten wußten, wie ihnen geschah. Diese auffallende Heldenthat hatte sich mehrmals ereignet und jenem Zukander den ehrenden Beinamen verschafft, der sich nur durch eben diese That erklären läßt. Der Rasper oder Raspe als Beiwort nach dem Eigennamen gehört zum nur ahd. be ­ legten Zeitworte „raspön“ d. h. raffen, zusammen ­ raffen, das sich in den Grloss. Trevir. 16a. als giraspe — quisquiliae findet; denn in mitteldeutschen Mundarten trat keine Umstellung zu „rapschen" ein nach Grimms Wörterbuch VIII sp. 143: also daß der Beiname soviel als der Raffer, Zusammenraffer (d. i. Vernichter) der Feinde oder der Raufbold bedeutet — in der kampfesfrohen Ritterzeit gewiß eine höchst ehrende Bezeichnung für einen Helden, der die Reihen seiner Feinde zusammenrafft und niederschlägt, wie der Schnitter die Aehren. Das Neueste über Raspe will v. Pfister in den Nachträgen zu Vilmar's Idiotikon (1886), Seite 226, unter „rapsen“ bieten, doch steht darin sprachlich nichts, was nicht schon aus Grimm's Grammatik I?, S. 422, oder aus Lexer's mittelhochdeutschen Wörter ­ büchern bekannt wäre, und geschichtlich wird wohl Niemand einen „hessischen Fürsten Ludwig Raspe" anerkennen, bis des Verfassers geheimes Archiv mit beglaubigten Urkunden sich der allgemeinen Kenntniß geöffnet haben wird. Wie nun der Familien-Name Raspe, der in Hessen durch die Betrügereien des Verfassers des Münch ­ hausen eine trübe Erinnerung hervorruft, entstanden ist, dürfte wohl nicht so leicht — beim Mitwirken des Spottes und Zufalls in solchen Benennungen — zu erklären sein. Dr. phil. F. Seelig.