50 Wir fügen die deutsche Uebersetzung nach ­ stehend bei: Dem sehr hoffnungsvollen Prinzen Moritz, Hessens erlauchten Landgrafen. Gruß zuvor. Gerade auf Michaelistag erhielt ich von einem sogenannten deutschen Michel, d. h. von einem albernen Menschen ohne jede höhere Bildung, einen recht ungeschickt und mehr als kindisch geschriebenen Brief. Daß Du ihn geschrieben, würde ich keinem Menschen glauben, hätte ich nicht aus Anfang und Unterschrift mit der größten Mühe und zu meiner Beschämung end ­ lich Deine Handschrift ohne viel entziffern zu können vermuthet. Das sind also die Früchte so vieler Jahre! Das ist der Erfolg so großer Mühe, dies das Zeugniß Deiner Bildung! Ich schrieb Dir, Du solltest mir mittheilen, wenn Du etwa einen Aufschub Eurer Rückkehr, deren ich täglich gewärtig war, merken solltest, damit nicht unsere lange Trennung, welche doch nach Ansicht der auf Dein Wohl so sehr bedachten Räthe zum Nachtheil gereicht, bei Deinem Herrn Vater berechtigten Anstoß errege. Aber Du er ­ wähnst davon nichts. Von welcher Trägheit und unausgesetzter Flüchtigkeit zeugt dies, und es ist klar, daß Du mein Schreiben entweder gar nicht gelesen, oder nicht verstanden hast. Du antwortest albern, Du antwortest in bäuerischem Stil, einem Schmarotzer gleich, der es eilig hat zum Essen zu kommen. Wie wenn ich diesen Brief, als ob er von Dir wäre, wofür ich ihn aber nicht anerkenne, sondern den Flammen übergebe, gelehrten Männern oder unsern Räthen, die mit mir verkehren und Deiner fast zu jeder Stunde rühmend erwähnen', Dich öffentlich und unter sich loben und wegen Deiner kund gewordenen Gelehrsamkeit wie man sagt in den Himmel erheben, wenn ich ihn — sage ich — diesen Männern zeigen würde? Gott! Welche Einbuße würde Dein Ansehen erleiden. Aber hierüber mündlich mehr. Inzwischen lasse Dir diesen Vorhalt oder wenn Du lieber willst diese Klage Deines treuesten und Dir eifrigst ergebenen Berathers, dem Du theuerer bist als sein Leben, nicht gleichgiltig sein. Durch einen gut ge ­ schriebenen Brief wirst Du all' diesen Anstoß leicht vergessen machen Antworte also. Es wird Dir alles zugeschickt werden, um dessen Besorgung Du in jenem Zettel lakonisch zu bitten nicht versäumt hast. Gehab' Dich wohl. Kassel im Jahr 86 im September. Dein getreuer Lehrer T. Homberg. er Wemame m ^aspe u Am bekanntesten ist dieser Name durch jenen Hein ­ rich Raspe geworden, der nach seinem traurigen Gegenkönigthum am 17. Febr. 1247 auf der Wart ­ burg verschied als letzter männlicher Sprosse des thüringischen Landgrafenhauses, das zugleich über reiche Besitzungen in Heffen gebot. Mit seinem Tode beginnt erst die Sondergeschichte der Landgrafschaft Hessen unter dem, Brabants Herzogshause entsprossenen Enkel der Heiligen Elisabeth. Trotzdem nun dieser Beiname ungewöhnlich llingt, geht man meistentheils über denselben hinweg, ohne sich lange mit seiner Deutung aufzuhalten. Und doch tragen alle vier Mitglieder des thüringisch-hessischen Landgrafcn- hauses Namens Heinrich — nämlich Heinrich I., gestorben 1130, Heinrich II., gest. um 1155, Hein ­ rich III., gest. 1180, und der obengenannte Heinrich IV., gest. 1247, den Beinamen Raspe und zwar nicht nur in den Jahrbüchern und älteren Geschichts ­ schreibern, sondern auch in den Urkunden.*) *) z. B. für Landgraf Heinrich Raspe UV.) in Böhmer- Mcker's Regesten V1, Seite 419, als Zeugen des Kaisers Friede. II. zu Augsburg im Oktober 1235 lNo. *2121), zu Speier den 1. April 1236 (No. 2152) und besonders zu Wien im Februar 1237 (Nr. 2226). Es ist nun höchst wahrscheinlich, daß dieser Bei ­ name zuerst Heinrich Raspe (I.), dem tapferen Bannerträger Kaiser Lothars, dem jüngeren Bruder des ersten Landgrafen Ludwig, als kennzeichnender Ehrenname allein beigelegt wurde. Dann aber fand sein Geschlecht diese rühmliche Bezeichnung so ehrenvoll, daß dieselbe erblich blieb und von nun an wie ein zweiter Eigenname un ­ trennbar durch geheiligte Familiensitte stets mit dem Rufnamen Heinrich verbunden wurde. Daß aber auch andere Krieger diesen Beinamen erhielten, er also nicht nothwendig mit dem Vor ­ namen Heinrich zusammengehört, beweisen außer der nachher zu besprechenden Stelle im Willehalm Ulrichs von dem Türkin, wo Zukander von Tuntunabri „der RaSPer° genannt wird, die Rsxesta Lolcrs. (sä. Lang) Bd. III., wo an zwei Stellen (Seite 205 als lebend zum Jahre 1263 und Seite 341 als todt zum Jahre 1270) in Allemannien bei Dillingen ein Conradus miles, dictus ßaspen (oder Raspo) genannt wird. Was heißt nun Raspe (Raspo, Raspsn) oder „der Rasper"? — Knochenhauer's so treffliche Geschichte Thüringens unter dem ersten Landgrafenhause (1870)