24 Kommt, laßt uns nach Siegen eilen, Laßt uns die Gefahren theilen; Uns beseele Römisch' Blut! Wenn nun auch wirklich das Gedicht keinen großen poetischen Werth hat, so sind doch die Verse bis etwa auf zwei oder drei metrisch ganz gut und die Strophen formgerecht aufgebaut. Die paar schlechten Reime kann man füglich dem Sänger nicht einmal auf's Kerbholz schnei ­ den; zu jener Zeit durften sich die Poeten solche Reime schon erlauben und noch heute glauben leider gar Manche sich dergleichen Sünden an der deutschen Sprache und an deutschen Ohren gestatten zu dürfen. Den Dichter-Grenadier können wir uns also ganz gut als einen Mann vorstellen, der damals über die Durchschnittsbildung ziemlich hinaus ragte. Das aber ist gerade wichtig bei der Sache. Denn wenn es schon überhaupt der reinste Blödsinn wäre, einen Sklavenzustand zu besingen, so ist von einem Grenadier, der in der Dichtkunst Bescheid weiß, nicht anzunehmen, daß er mit mehr oder weniger poetischem Schwünge in gebundener Sprache Ruhm und Unsterblichkeit für ein Heer in Anspruch nimmt, dessen Soldaten sich als Sklaven verkaufen ließen und dessen Uniform er selber trug. Bon diesem Gesichtspunkt aus das Gedicht betrachtet, schlägt es alle die „vielen und bedeutenden Historiker", welche nicht ablassen, die Lüge in der Seume'schen Biographie nachzuschreiben. Seume war mir immer, trotz manchen kühlen Zuges, ein sympathischer Dichter, und da seine Gedichte von jenem weißen Sklavenhandel nichts wissen, so wäre ich nicht abgeneigt, die betreffen ­ den Stellen der Selbstbiographie für eine Fälschung seiner späteren Nach-Biographen zu hallen. Allein wer will heute noch darüber Auskunft geben? Die Lüge findet sich nur ein ­ mal, und zwar als solche erkennbar, in dem selbst geschriebenen Theile seiner Biographie, hochgelehrte Männer schreiben und reden sie gedankenlos nach, und somit hat Seume uns Hessen eine Beleidigung hinterlassen, die wir ihm nicht vergessen können, und gegen die wir uns so lange wehren müssen, als die Lüge weiter gedruckt wird. Augenblicklich*) fühle ich mich überdies persön ­ lich aufgefordert, gegen die Sache Front zu machen, indem Seume mit seinem Märchen so ­ gar in meine Familie eingedrungen ist. Denn als ich dieser Tage von meinen Amtsgeschäften nach Hause komme, tritt mir mein kleines zehn ­ jähriges Töchterchen mit den Worten entgegen: *) Der Artikel ist zu Anfang December v. I. ge ­ schrieben. „Aber Papa, die hessischen Fürsten waren recht garstige Menschen, die haben ja Seelen ver ­ schachert und ihr Volk als Sklaven verkauft!" Tableau! Wie war es nur möglich, daß Seume das Gehirn von diesem unschuldigen Guckindiewelt berücken konnte? Woher nahm das Kind diese historische Lüge, da es doch unsere hochgelehrten „bedeutenden Historiker" noch nicht in die Hände bekommt? . . . Sehr einfach! In Nürnberg erscheint eine prachtvoll ausgestattete und sehr weit verbreitete „Kinder- Gartenlaube", zur Bildung der deutschen Jugend, und der eben heftweise erscheinende sechste Band enthält einen Artikel „Aus Seumes Leben" von Ludwig Göhring, darin ich. wieder einmal gedankenlos nachgeschrieben, aber auch mit einigen neuen Abgeschmacktheiten versetzt, folgendes lese: (Seite 79.) „Der Landgraf von Hessen- Kassel war der größte Soldatenlieferant. Vom Jahre 1776 an hatte er alljährlich Kanonenfutter über das Meer geschickt und dafür ein hübsches Geld eingesteckt. Wie sich aber zuletzt auch der tiefste Brunnen ausschöpfen läßt, so geschah es auch hier, daß gar bald auf gewöhnlichem Wege keine Rekruten mehr auszutreiben waren. Die Werber des Landgrafen, an Nieder ­ trächtigkeiten läng st gewöhnt, wußten aber Abhülfe zu schaffen, indem sie sich fortan aufs Re krutenstehlen verlegten .... Ueberredung, List, Be ­ trug, Gewalt —, alles galt. Man fragte nicht nach den Mitteln zu dem verda ärm ­ lichen Zwecke." (Seite 91.) Außer dem glänzenden Antrag kitzelte mich (Seume) vorzüglich, dem Ehren ­ manne von Landgrafen für seinen Seelen ­ schacher einen Streich zu spielen." (Seite 168.) Hier schreckte uns die Besorg- niß, daß wir bei Minden würden an die Preußen verkauft werden. Es wurde laut davon gesprochen und der gewissenlose Seelenschacher des alten Landgrafen machte die Sache nicht unwahrscheinlich." (Seite 169.) „Das Leben war gerettet, . .. und der Landgraf erlitt einen Verlust von einer Hand voll Thaler, die er aus mei ­ nem (übrigens von Seume nicht geschrie ­ ben!!) zweiten Verkaufe hätte lösen können." So also wird die alte Lüge selbst in die wei ­ testen Kreise der deutschen Jugend gebildeter Stände getragen und dieser als geistige Kost vorgesetzt, damit dies pikante Gericht nicht von der Tafel des politischen Gaumenkitzels ver ­ schwindet. Und daß Herr Göhring nicht an- Anm. d. Red.