376 Die Jahreszeiten der Klebe. In meinem Herzen schliefen eisbedeckt Viel Blümelein den Winterschlaf so tief, Bis sie Dein holder Frühlingskuß geweckt, Empor zu neuem Leben rief. Sie blühten auf in süßer Lenzeslust, Umgaukelt von dem bunten Schmetterling, Es war ein Frühlingstraum der sel'gen Brust, Der, ach zu bald! zu Ende ging. Der Sommer kam mit seinem Sonnenbrand, Die zarten Blümlein neigten stumm ihr Haupt. Am Boden lagen sie, verwelkt, verbrannt, Zu früh vom bittern Tod geraubt. Des Herbstes wilde Stürme folgten nach, Grausam verwüstend ringsum Wald und Flur, Der rauhe Nord die welken Blüten brach, Mit ihnen weit von dannen fuhr. Doch ihre Wurzeln ruh'n im Erdenschrein, Der graue Winter deckt sie gütig zu. Sie warten auf den Frühlingssonnenschein, Und ihre Sonne, die bist du! I^aus Stephan. Die beiden Tannen. Tannen standen zwei in tiefem Hage, Rauschten sich Frohlocken zu und Klage. Die gemeinsam trugen Lust und Leiden, Ihnen war der Tag gesetzt zu scheiden. Sprach die Eine stolz: „Mich wird man stellen, Schwester, in den Lichterglanz, den hellen. Güldner Tand und Flitter wird mich schmücken, Eines Kindes Auge zu berücken." Sprach die Andre: „Mich wird man zerschneiden, Bretter sechs aus meinem Stamme scheiden. Flor wird decken mich und Kranzesfülle — Bergen soll ich eines Müden Hülle." So die Tannen beid' in tiefem Hage Tauschen ihr Frohlocken, ihre Klage; Bis zu einem Liede sich verweben Sterbesang und froher Sang vorn Leben. I». Saut. Ans alter und neuer Zeit. Ein s ch ö n e r Z u g aus dem Leben des Landgrafen Carl vo n H essen. Der Prinz Carl, seit 1806 Landgraf von Hessen, ein jüngerer Bruder des Kurfürsten Wilhelm I., zeichnete sich durch seinen hochherzigen Sinn, seine Liebe für Kunst und Wissenschaft aus. Er hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen, und in pietätvoller Erinnerung sagte er von seiner Mutter, der Gattin des Landgrafen Friedrich II., bekanntlich einer englischen Prinzessin, aus: „Meiner Mutter, welche ich fast immer als ein gött ­ liches Wesen betrachtet habe, verdanke ich Alles! Ihren Rathschlägen verdanke ich meine wahre Erziehung und meinen Geschmack am Studium." Er war ein Mann von durchaus gediegenem Charakter nnd dabei eine liebenswürdige Persönlichkeit, rein und wahr, mild und wohlwollend, aber fest und muthig, wenn es galt, für höhere Güter des Lebens einzutreten. Als dänischer Feldmarschall und Statthalter der Herzogthümer Schleswig und Holstein hatte er seinen Wohnsitz zu Gottorf. Dort und auf seinem Lustschlosse Louisenlund verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens. Er spielte eine bedeutende Rolle im Freimaurer-Orden. An Stelle des Herzogs Ferdinand von Braunschweig leitete er als Vorsitzender den zu Wilhelmsbad 1782 abgehaltenen Freimaurer-Kongreß, er war Stifter der Hanauer Loge „Wilhelmine Karoline", Protektor der Kasseler Loge „zum gekrönten Löwen," General-Groß ­ meister aller hessischen Logen. Recht deutlich tritt seine wohlwollende Gesinnung hervor in den uns ur ­ schriftlich vorliegenden Briefen desselben an den kur ­ hessischen Ministerialrath von Starckloff. Zunl näheren Verständniß dieser Briefe, die wir unten im Auszuge wiedergeben, möge Folgendes dienen: Wiewohl die Karlsbader Beschlüsse vom 20. September 1819, soweit sie die Überwachung der Hochschulen betrafen, ihren Einfluß ans strengere Bestrafung der Studierenden wegen Widersetzlichkeiten gegen Organe der Staatsgewalt überall geltend machten, so waren es für Kurhessen insbe ­ sondere auch noch die im Jahre 1823 an den Kur ­ fürsten Wilhelm II. gerichteten Drohbriefe, dereil Ur ­ heber trotz eifrigster Nachforschung und vielfache In ­ haftnahme Verdächtiger niemals ermittelt worden ist, welche die weitere Veranlassung waren, daß gegen die Marburger akademischen Bürger mit äußerster Strenge vorgegangen wurde, wenn sie sich in irgend einer Weise gegen Civil- oder Militärpersonm während deren Dienstverrichtung aufgelehnt oder vergangen hatten. Das Faktum, um welches es sich in dem vorliegenden Falle handelt, geht aus den Briefen selbst hervor, die wir nun folgen lassen: Louisenlund, 7. Juli 1622. Lieber Starckloff! Mein armer Ober-Jnspector Koup hat ein großes Unglück erlitten durch seines Suhnes unvorsichtiges Betragen in Marburg. Dieser sonst so gute und