354 U Hassenpflugs, die folgen sollten. So stehe ich heute vor Bergen, die mich niederdrücken, und sinke oft Abends schwindlig und erschöpft aufs Sopha; und in andern Briefen aus dieser Zeit: „Es thut mir so wohl, mit Dir, mein Engel zu plaudern, während rings um mich her der giftige kalte Hauch der Politik weht und Anfeindung, Partheigeist und Ultraismus die Menschen zu der wunderbaren Kunst gebracht hat, ihr Herz zu ver ­ leugnen." „O es ist nicht besser geworden im alten lieben Hessenlande. Und wie wird es noch werden? Gut, daß meine Briefe nicht die Censur passiren, sie ließen mir nichts darauf stehen." Der Konflikt, in welchen ihn seine dienstliche Stellung mit seiner politischen Ueberzeugung ge ­ bracht hatte, bewog ihn, auf seine Stellung zu verzichten und als Referendar bei dem Obergericht wieder einzutreten. Die verlorene Volksgunst er ­ langte er dadurch aber nicht wieder. In dieser Zeit war, wie aus den Briefen sich ergiebt, die Liebe zu seiner angebeteten Henriette der einzige Lichtpunkt in seinem Leben, und dieser Liebe errichtete er jetzt ein Denkmal in der Heraus ­ gabe seiner schönsten Dichtung, dem Prinzen Rosa-Stramin. Die 1. Ausgabe des Buchs erschien 1834 Kassel bei Luckhardt. Die 2. Auf ­ lage 1857 Goettingen bei Wigand, die 3. Kassel bei demselben 1873. (Fortsetzung folgt.) lus gährenöer Heit. Novelle von F. Slorck. (Schluß.) V. Man schrieb seit wenigen Minuten den ersten Januar. Aus der Stadt herauf klang feierlich der Glockenton, das neue Jahr einzuläuten. Ab und an knallte ein Schuß, obgleich dies von Polizeiwegen strengstens untersagt war. Auch vereinzelte Jubelrufe; doch im Ganzen war das Volk nicht zu lautem Jubel ausgelegt. Die mancherlei ernsten Vorgänge, und die noch immer drohenden düstern Wolken am politischen Himmel ließen keine laute Fröhlichkeit aufkommen. Paul starrte aus seiner dunklen Zelle Zn die sternenlose.Nacht hinaus. In der vorjährigen Neujahrsnacht hatte er im Kreise lustiger Freunde gezecht. Sie hatten sich berauschende Zukunfts ­ bilder entworfen, wie es kommen solle und müsse, wenn erst das Freiheitsbanner über die Lande flattere. Und Freiheit, Gleicheit, Vvlksrecht, das waren die Schlagworte gewesen. Damals hatten die Sterne verheißungsvoll gefunkelt, als sie spät in der Nacht sich getrennt. Doch sic waren trügerisch gewesen, nichts hatte sich erfüllt. Heute? Da wollte er nur frei sein ein Mann, der seinem Beruf leben konnte, der eine Heimstätte gründen konnte. Nichts mehr von jenen hochfliegenden Träumen, — aber heute erglänzte kein leuchtender Hoffnungsstern. Alles öde, dunkle, trostlose Nacht da draußen und auch in seiner Zukunft. Er hatte das Fenster geöffnet. Wenigstens frische, reine Luft, die hatte man ihm verstattet. Drunten in der^Stadt war cs ruhig geworden. Aber durch die Stille drang nun ein Laut. Es mußte aus der Wohnung des Inspektors kommen Wie unterdrücktes Klagen schien es dem Lau ­ schenden. Ob es Lotte war? Ob ihr Vater wieder litt? Sein eignes Interesse trat in den Hintergrund. Daß er ihr helfen könnte, daß er sie glücklich machen dürfte! — Am Morgen meldete der Schließer: Daß der stellvertretende Inspektor herauf kommen werde, dem Herrn Doktor eine Mittheilung zu machen. Was konnte es sein? Waren die Untersuchungen endlich beendet? Hatte Jemand für ihn gesprochen? Zögernd stand der Mann noch da, die braune Hand am Riegel der Thür, indeß Paul seiner Anwesenheit nicht achtend, erregt durch das enge Gemach schritt, dann begann er stockend und plötzlich aufschluchzend: „Und, — und heute Nacht ist auch der Herr Inspektor gestorben. Der gute Herr! Und hat so aushalten müssen! Und das arme Fräulein, und das liebe kleine Bübchen!" — Ganz starr blickte Paul in das schmcrzzuckende, verwitterte Gesicht des Alten und mit krampf ­ haftem Druck dessen Arm umfassend fragte er hastig : „Was sagen Sie da Mann? Ihr Vater — ich meine, der Inspektor, — er ist gestorben?,, Er faßte es kaum. Das also war es ge ­ wesen. Lottens Jammer um den Verlust des Vaters. Und gerade in dieser Nacht. An der Wende des Jahres. Mit dem Rücken der Hand die Augen wischend, eilte der Alte wortlos hinaus. Er hatte ja mehr zu thun, als hier seinem Kummer nachzuhängen.