352 „Noch sind nicht zwei Jahrzehnte über Kochs Grab dahingegangen und es will einem schier bedünken, als ob es Jahrhunderte gewesen: So rasch hat der Hauch der Zeiten den Namen des Dichters verweht. Prinz Rosa Stramin ist für die jüngere Generation eine fast neue literarische Er ­ scheinung. Eduard Helmer, der Verfasser desselben, kennt die überwiegende Mehrheit des jüngsten Nachwuchses nicht einmal mehr dem wirklichen Namen nach, und doch ist Ernst Koch ein Mensch von reichen Geistes- und Herzensgaben, ein Poet von rechten Gottes Gnaden gewesen." Großes Verdienst hat sich Karl Altmüller da ­ durch erworben, daß er, wie es namentlich durch seine vortreffliche Vorrede zu der im Jahre 1873 bei G. Wigand dahier erschienenen und von ihm herausgegebenen dritten Auflage des „Prinz Rosa Stramin" geschehen ist, vieles zur richtigen Be ­ urteilung des Dichters beigetragen und wieder ­ holt das Andenken an ihn erneuert hat. Das Streben Altmüllers hatte den Erfolg, daß auch außerhalb Hessen größere Aufmerksamkeit dem Dichter gezollt wnrde. Fr. Biedermann be ­ zeichnete ihn in den Blättern für literarische Unterhaltung als einen genialen und originellen, seither noch viel zu wenig gewürdigten Humoristen und beklagt dabei, daß noch manche dunkle Stelle im Leben des Dichters der Aufklärung bedürfe. Diesem Mangel ist dann im Jahre 1871 durch Veröffentlichung einer großen Anzahl der zwischen dem Dichter und seiner Braut Henriette v. B. gewechselten Briefe in der unter dem Namen Ernestine v. L. von kundigster Hand herausge ­ gebenen Erzählung „Palast und Bürgerhaus" wesentlich abgeholfen worden. Seitdem sind wiederum fast zweiJahrzehnte dahin gegangen. Die Abhandlung Henrions ist ebenso wie das Buch der Ernestine v. L. in dem Vater ­ lande des Dichters fast gänzlich unbekannt ge ­ blieben, und die obige Klage Henrions noch all ­ zu sehr begründet. In welchem Maße dies der Fall ist, erfuhr ich noch vor kurzer Zeit, als mir ein hochbejahrter sehr gelehrter Herr mittheilte, daß er zufällig von der Schrift Henrions Kenntniß erhalten habe und dadurch veranlaßt worden sei, sich mit des Dichters Werken bekannt zu machen. Da ist es wohl auch Ausgabe unserer, der hessischen Literatur gewidmeten Zeitschrift, das Andenken an unseren vaterländischen Dichter und bedeutendsten Humoristen an dessen dreißigjährigem Todestag durch kurze Mittheilung seines so viel bewegten Lebensganges niit Erwähnung seiner bedeutendsten Dichtungen zu erneuern. Ueber seine Jugendjahre theilt uns der Dichter selbst in dem von einem seiner Freunde herausge ­ gebenen, bei Bück in Luxemburg 1859 erschienenen Band seiner Gedichte folgendes mit: „Ich wurde am 3. Januar 1808 zu Singlis in Niederhessen geboren. Mein Vater, der 1847 als pensionirter Regierungsrath in Marburg ge ­ storben, wnrde 1816 fürstlich Rotenburgischer Be ­ amter in Witzenhausen. Hier wuchs ich auf und erhielt in der Stadt ­ schule den Elementarunterricht und die ersten humanistischen Kenntnisse. Die wundervolle, lieb ­ liche Natur des Werrathales und die Lektüre der Schiller'schen, Körner'schen und Matthison'schen Lyrik übten ihren Einfluß auf den lebhaften Knaben. 1821, als mein Vater als Kreisrath nach Kassel berufen wurde, trat ich dort in die dritte Klasse des Lyceums ein. Hier entwickelten und erweiterten bald der höhere Unterricht, der Besuch des Theaters und das Residenzleben die poetischen Anlagen des Lyceisten. Hier dichtete ich schon in Tertia, lieferte in Sekunda himmel ­ stürmende Aufsätze, bei denen den würdigen Lehrern der Maßstab der schulmeistrigen Prosa versagte, und durchschwärmte in Prima alle Freuden und Leiden einer poetischen Gymnasiastcnliebe. Siebzehn Jahre alt, 1825, bezog ich die Uni ­ versitäten Marburg, dann Göttingen und wieder Marburg, wo ich 1829 als ckootor zuris absol- virte. (Meine Inauguraldissertation: cke zur« «zn8, gui speciern ex alinea materia fecit, findet sich in den Pandektenkompendien citirt.) 1830 brachte ich den Sommer in Berlin zu, um mich dort als Privatdocent zu habilitiren. In ­ dessen riefen mich die damaligen Ereignisse nach Kassel zurück, und ich trat in den Staatsdienst als Obergerichts - Referendar eiu. Hier schossen die „Vigilien" unter Bescheids ­ entwürfen und gelehrten Appellationsrelationen auf und wandten mir, als ein Zufall den Ver ­ fasser verrieth, die Gnade und Liebe des aufge ­ regten Publikums zu." Karl Altmüller schreibt über diese poetischen Erzeugnisse, welche unter dem Namen des Candi- daten Leonhard Emil Huber in der Beilage der Zeitschrift „Der Verfassungsfreund" erschienen: „Hoch und Nieder wetteiferten in Huldigungen gegen den poetischen Vigilanten. Der arme Rechtskandidat wußte gar nicht, wie ihm geschah, als er aus seinem Mansardenkäfig. in dem er, ein friedlicher Stubensünger, den Himmel nahe gesehen hatte, auf den Markt der Oeffentlichkeit gezogen und in den Tageslöwen verwandelt wurde." Außer diesen Vigilien, welche er nachher mit wesentlichen Verbesserungen in seinen Prinz-Rosa- Stramin aufnahm, erschienen von ihm noch im Verfassungsfreund vigilienartige Aufsätze und in diesem Blatt, sowie in den von S. Hahndvrf