323 Wlie hessischen Fürsten waren von Alters her Ms gewaltige Jäger vor dem Herrn. Wer kennt nicht Otto, mit dem Beinamen „der Schütz", diesen von der Poesie umwobenen hessischen Prinzen des 14. Jahrhunderts, den Gottfried Kinkel in seiner schönsten Dichtung so prächtig besungen hat. Von welcher Jagdlust war nicht Landgraf Lud ­ wig I., der Friedsame (1413—1458), beseelt? „Ein rühriger Jäger", schreibt G. Landau in seiner Geschichte der Jagd und der Falknerei in Deutschland, „sehen wir diesen Fürsten aller Orten seines Landes der Waidlust obliegen, meistens mit einem zahlreichen Gefolge, zu welchem nicht selten mehrere hundert Reiter und neben diesen auch Frauen und Jungfrauen, Sänger und Musiker (Spielleute) gehörten, und ähnliche Erscheinungen bietet auch das Leben seiner Söhne, von denen Ludwig II. (1458 -1471) einstens mit nicht weniger als 500 Reitern zur Jagd aus ­ zog", und daß sein Neffe Landgraf Wilhelm III. von Oberhessen (1483—1500), der wackere Waid ­ mann, bei Rauschenberg auf der Jagd verun ­ glückte, dem man das geschmacklose und ab ­ schreckende Denkmal in der Elisabethkirche zu Marburg setzte, ist männiglich bekannt. Große Liebe zur Jagd hegte auch Landgraf Philipp der Großmüthige. Farbige Bilder liefert uns in dieser Beziehung die Geschichte des Fürsten, dem das Jagdleben zu einer seiner liebsten Be ­ schäftigungen geworden war, und der es mit Ernst und Verständniß betrieb. Ein wahrer Nimrod, hatte er eine große Fertigkeit in der Kunst des Schießens erlangt, scheute keine An ­ strengung und Gefahr und erlegte einst mit eigener Hand einen Bären, ein Ereigniß, das der hessische neu-lateinische Dichter Euricius Cordus in vier Epigrammen besingt. Hierauf bezieht sich auch eine ehemals im Schlosse zu Marburg vorhandene Inschrift: „Da noch regiert das Heffenland Landgraf Philips, mit seiner Hand Hat er einen Bären selbst gefällt, Der edle Fürst und treue Held." In seinem Testamente sagt Landgraf Philipp: „Die Wildfuhr ist gut, daß sie unsere Söhne hegen, denn hätte Gott kein Wild- pret wollen haben, so hätte es seine All ­ mächtigkeit nicht in die Arche Noha lassen nehmen. So ists auch gut, daß sich die Herren zu Zeiten verlustiren, die sonsten mit schweren Geschäften beladen sind. Die Herren vernehmen auch viel, wenn sie auf der Jagd und auf den Jagdhäusern sind, können auch dadurch ihre Gränzen wissen, was ihrer ist, kann auch sonst mancher arme Mann vorkommen, der nicht sonst zugelassen wird." Ein nicht minder leidenschaftlicher Jäger als Landgraf Philipp war dessen Sohn Wilhelm IV., der Weise zubenannt, dem mit dem Fürstenthum Niederhessen die reichsten Wildfuhren des Hessen ­ landes zugefallen waren. Hegten auch Landgraf Moritz und Landgraf Wilhelm V. eine große Vorliebe für die Jagd, so ließen es doch die poli ­ tischen Verhältnisse der damaligen Zeit nicht zu, daß sie sich dieser Neigung so hingaben, wie das bei ihren Vorfahren der Fall war. Landgraf Wilhelm VI., den leider ein früher Tod (16. Juli 1663) dem Hessenlande entreißen sollte, gab sich seiner Neigung für die Jagd mit großem Eifer hin. Er hatte das Unglück, auf einer Saujagd (1657) bei Roda im Burgwald durch einen Schuß des Grafen Heinrich Wilhelm von Solms in Folge seines Uebereifers nicht un ­ gefährlich am Halse verwundet zu werden, das aber vermochte seine Leidenschaft für die Jagd nicht abzukühlen. Und ebenso wie bei den ge ­ nannten hessischen Landgrafen herrschte bei ihren Nachfolgern, namentlich bei den Landgrafen Karl, Wilhelm VIII. und Friedrich II. die Neigung zur Jagd vor, bei den letztgenannten kamen auch die Parforcejagden und die Falknerei in Aufschwung und gaben den Anlaß zu pomp ­ haften Festlichkeiten. Unter den zuletzt regierenden Kurfürsten unseres Hessenlandes hatte bei den veränderten Zeitverhältnissen freilich die Jagd nicht mehr die Bedeutung wie in den vorigen