313 Nein, das durfte nicht sein. Sie müßte ja einen Verrath an dem Vater begehen. Und wußte er, ob sie überhaupt für ihn etwas wagen würde? — Nein, es ging nicht an, er mußte hier aus ­ harren. Nach solchen Erwägungen überfiel ihn eine grenzenlose Erbitterung. Er hätte die festen Mauern durchbrechen, die ausgestellten Wachen erwürgen mögen. Und schließlich saß er geduldig hinter dem geöffneten Fensterchen und lauschte gespannt jener weichen Stimme, die ihm süßer klang als Musik. III. Sonntag früh war es. Der Glocken viel ­ stimmig Geläut drang durch die klare Sommer ­ luft getragen von der Stadt herauf, da sah er die schlanke Mädchengestalt, den kleinen Kraus ­ kopf an der Hand, die Schloßtreppen hinab zur Kirche eilen. Für wen ihre Gebete zum Himmel aufsteigen mochten? Ob nur für den kränklichen Vater und den kleinen Wildfang ihr zur Seite? Ein heißes Verlangen, sie möchte auch seiner gedenken, stieg in der Seele des jungen Doktors auf. Bislang hatte er sich scheu zurückgehalten, wenn je ihr Blick flüchtig zu der Höhe seiner Zelle hinaufgeschweift. Jetzt mit einem Male empfand er es als eine Pein, von ihr nicht ge ­ kannt zu sein. Während aus der Kirche herauf, leise wie Geistersang, durch die feierliche Sonntagsstille gedämpfter Orgelklang und Gesang ertönte, saß er an dem massiven Eichenholztische und schrieb — Tinte und Feder hatte man ihm ja groß ­ müthig gestattet — folgende Strophen: „Hast je Du schon empfunden Was Freiheitsstrafe sei? Wenn Geist und Körper schmachten Im Bann der Tyrannei? Wenn man in Kerkermauern Den Körper eingezwängt, Indeß mit Wahnsinnsschauern Der Geist in's Freie drängt? Du kennst nicht die Gefühle, Die bitter mich durchtvbt, Wenn Vögleins Lied am Abend, Den Herrn der Schöpfung lobt. Ich möchte dann zerbrechen Den Riegel, der mich hält. Möcht stiehen durch die Wälder, Weit, weit, durch Flur und Feld. Nur Eines sänftigt wieder Das wild erregte Herz, Es sind die süßen Lieder Von Treue, Lieb' und Schmerz, Die oft mit weicher Stimme Dein Mund am Abend singt, Wenn durch mein kleines Fenster Manch gold'nes Sternlein blinkt. Und eilst Du durch den Garten, Mit frohem Kindersinn, Jst's mir, als sollt' ich schauen. Nur auf dies Fleckchen hin. Doch sieh, das Herz ist störrig, Ein Ding gar seltsamlich; So sehnt das meine täglich Nach einer Rose sich. Drum üb' Erbarmen, spende Mir solch ein duftend Reis Von all' der Blüthenfülle. — Mein Dank sei Dir der Preis. Und darunter setzte er mit einem zierlichen Schnörkel sein Or. insä. Paul Weber. Das menschliche Herz ist ein Ding, über dessen Ergründung sich schon die bedeutendsten Köpfe abgemüht, ohne zu einem befriedigenden Ergebniß zu kommen. Man sollte meinen, der Doktor ­ titel gelte dem jungen Manne nichts, da er ihn in all' der Zeit, wo er berechtigt war ihn zu führen, als lästigen Ballast bei Seite geschoben. Und nun, diesem unerfahrenen Mädchen gegen ­ über, holte er sich den noch blitzblanken Titel hervor. — Er hatte ihn seither gleichsam unter Verschluß gehalten, weil, wie er in manch' schneidiger Rede gesagt: Titel nur leerer Schall seien. Nun meinte er, es nehme sich doch recht voll ­ ständig aus, dieses vr. insä. vor dem Namen. Sie wußte doch nun gleich, weß Geistes Kind er war. Gestehen wir's, es war ein gut Theil Eitelkeit im Spiel. Sie sollte nicht denken, er sei ein Mensch der nichts gelernt, und der sich schließlich so unnütz in der Welt gemacht habe, daß man ihn einstweilen kalt stellte. - Und dann harrte er mit fieberhafter Ungeduld des Augenblicks, da sie den Garten betreten werde. Es war eine schwere Geduldsprobe, aber endlich kam sie. Doch Fritz kam mit ihr. In diesem Moment haßte er fast den blonden Krauskopf, der sich mit solch impertinenter Sicherheit an den Arm der Schwester hing. Wurfbereit lag der Papierknäuel, in dessen Mittelpunkt sich ein Stückchen Fensterblei befand, auf dem Fenstersims. Endlich lief der kleine Bursche mit seinem Schmetterlingsnetze einem schönen Admiral nach, welcher über dem niederen Bosquet gaukelte. Und jetzt kam auch das Mädchen, im lichtblauen Kattunkleid, langsam näher.