311 O Lorbeerbaum, o Lorbeerbaum, Mach' Du dich uicht so kühne, Es sind von meinen Brüdern drei, Die hauen Dich hernieder." „Hau'n sie mich diesen Winter ab — Auf's Frühjahr grün' ich wieder! Ein Mädchen, das die Ehr' verliert, Das findet sie nicht wieder." Interessant sind auch die seltener vorkommen ­ den, dramatisch belebten Wechsellieder, in denen ein Theil gesungen, der andere gesprochen wird. Z. B. die Mädchen singen: „In Stücke möcht' ich mich zerreißen, Jn's Wasser möcht' ich springen, Dieweil mein Schatz 'ne Andre liebt: Möcht' ich mich selbst umbringen!" Die Burschen: „Wer ist denn draußen?" Die Mädchen: „Ein ganz verlaß'nes, armes Mädchen. Bon ihrem Schatz verlassen. Sie fragt, ob er nicht drinnen wär? Sie sucht auf allen Gassen." Die Burschen sprechen: „Bin nicht zu hausen!" Die Mädchen singen: „Schon gut, jetzt denkst Du nicht daran" rc. Das Lied verliert sich in's Gemeine, Unschöne, aber gesungen und gesprochen hat es doch etwas Drastisches, Lebensvolles, und die Moral, welche die Mädchen gern recht laut und im vollen Chore singen, lautet: „So geht's, wenn man zu gerne glaubt Und gar zu zärtlich liebet. Wer jedem süßen Worte traut Wird hinterher betrübet." Uns gährmöer Heit. Novelle von F. Zlorck. (Fortsetzung.) § anz gelassen durchschritt der Gefangene das enge Gemach und pfiff noch dazu die Melodie eines Freiheitsliedes. So konnte denn auch der Schließer dem In ­ spektor melden: „Der Gefangene, welcher gestern oben in die höchste Zelle gebracht sei, scheine ein hartgesottener Sünder zu sein. Er habe sogar ein polizeilich untersagtes Lied gepfiffen. Im Uebrigen ließe dieser itnverbesserliche Bösewicht den Herrn Inspektor um etwas zum „Lesen" bitten." Lotte hörte diesen Bericht. Sie fertigte eben Fritz für die Schule ab, als der Schließer die Meldung machte. Der Inspektor, ein Mann in mittleren Jahren, sah, da er meist leidend war, schon recht alt und grämlich aus. Auch heute fühlte er sich nicht wohl. Seine Stimmung war daher durchaus nicht rosig und er sagte unwirsch: „Was lesen? Ich lasse ihm sagen, er würde wohl vorläufig noch genug zu „denken" haben." Schon wollte sich der Mann mit diesem Be ­ scheid entfernen, als Lotte dem Vater die Hand auf die Schulter legend bat: „Ach Väterchen, schicke ihm doch ein Buch. Langeweile ist doch zu entsetzlich. Und es scheint doch ein gebildeter Mensch zu sein, sonst bäte er nicht um Lektüre." „Na, da hole ihm meinetwegen ein Buch. Ist zwar gegen das Reglement", brummte der alte Herr. — Zehn Minuten später berichtete der Schließer an Paul die Worte des Herrn Inspektors in getreuer Wiederholung. „Nun und Sie bringen dennoch das Buch mit?" fragte der. „Ja, das hat das Fräulein ausgewirkt, sonst hätt's der Herr Inspektor nicht gethan. Na, wenn Sie da immer lesen wollen, können Sie sich auch noch um den Verstand lesen. Drei ­ hundert und fünfundsechzig Tage das Jahr, jeden Tag nur zwölf Stunden, da kriegen wir schon eine hübsche Zahl." Damit schob er sich zur Thür hinaus, und die mächtigen Schlüssel läuteten immer ferner verhallend durch den Gang davon. II. Wochen waren verstrichen. In der Welt draußen hatten sich wohl wichtige Dinge ereignet. Jeder Tag bringt ja 'im steten Wechsel neues Leid, neue Freude. Dem einsamen Manne da oben im kleinen Thurmgemach schien es mitunter, als stehe die rastlose Zeit nun still. Für ihn gab es nichts zu thun. Für ihn gab es keinen Wechsel im