300 Gewaltig tönt das Geistesrauschen; Die Brüder andachtvoll erlauschen, Was Wala einst am Urdaborn Verdankt dem Mund der heil'gen Norm Ganz weltvergessen, wonnetrunken Sind sie zu Füßen ihr gesunken, Und was bei Wala sie erschaut, Sie haben's ihrem Volk vertraut. Seitdem erklingen ihre Lieder Durch alle deutschen Gaue wieder; Man singt von fel’ger goldner Zeit Von Äsen Ruhm und Seligkeit. Im Märchenhain tönt Sang und Sage Wie wehmuthsvolle Liebesklage, Macht mit der Vorzeit uns bekannt. O, sing auch Du, mein „Hessenland!“ H. N- Hreöe. Mit dem vorstehenden Gedicht „Die Götter ­ sagen der alten Chatten" tritt zum erstenmal ein Dichter, Eduard Rudolf Grebe, vor die Öffentlichkeit, dem die Sehnsucht nach dem Heimath- lande, von dem er durch seine Lebensführung, wenn auch räumlich nicht weit, doch aber geschieden ist, den dichterischen Genius geweckt hat. Wir wünschen diesem Erstlingsversuch bei unseren Lesern eine freund ­ liche Aufnahme und die verdiente Beachtung. Ein größeres Werk desselben Verfassers, „Der Fall der Donnereiche", ist gegenwärtig im Druck und soll demnächst in schöner Ausstattung er ­ scheinen. Das im Ton von „Dreizehn Linden" gehaltene Epos behandelt die inneren und äußeren Kämpfe, welche das über unseren hessischen Bergen und Wäldern aufsteigende neue Licht des Evangeliums von Jesu Christo mit dem alten Volksleben und mit dem alten Götterglauben zu bestehen hatte, bis es siegreich aus diesem mächtigen Ringen hervorging. Wir behalten uns nähere Besprechung dieses Werkes vor, machen aber unsere Leser schon jetzt auf dieses Epos aufmerksam, welches für manchen Weihnachts ­ tisch eine passende und willkommene Gabe sein wird. r. Aus alter und neuer Zeit. Das Turnier zu Darm stadt im Jah re 1 40 3.*) Im Gesellenhofe zu Wertheim am Main hatten^sich' zu Anfang des Jahres 1403 fränkische *) Die Turniere kamen in Deutschland im 10. Jahr ­ hundert auf. Das erste „öffentliche, allgemeine und wirkliche Turnier" wurde gehalten zu Meydburg (Magdeburg) im Jahre 938; das 2. zu Rottenburg a. d. Tauber 942; das 3. zu Constanz 948; das 4. zu Merseburg 969 ; das 5. zu Braunschweig 996 ; das 6. und hessische Edelleute arg verunwilligt. Die Franken machten den Hessell den Vorwurf, „sie nährten sich aus dem Stegreife, d. h. sie entwürdigten ihren Stand durch Wegelagerei". Die Hessen blieben die Antwort nicht schuldig und machten den Franken den Vorwurf, „sie entehrten die Ritterschaft durch Krämerei". Groß war die Erbitterung, die, ob dieser Unbilden, zwischen den heißblütigen leicht erregten Franken und den fehdelustigen, stets schlagfertigen Hessen entstand, und beide Landsmannschaften würden ohne Zweifel gleich handgemein geworden sein, wenn sich nicht besonnene Genossen in's Mittel gelegt hätten, aber man schied mit dem festen Vorsatze, bei der nächsten Gelegenheit die Sache mit den Waffen aus ­ zufechten. Und diese Gelegenheit sollte nicht lange auf sich warten lassen. Der rheinländische Adel hatte bestimmt, ein Turnier in Darmstadt, der neuen auf ­ blühenden Stadt, dem Sitze der reichen und stolzen Dynasten Grafen von Katzenelnbogen, zu halten. Die zehn Vorreiser und Werber (curatores) Friedrich von Helffenstein, Konrad von Cronberg, Adam von Waldenstein, Georg von Hirschhorn, Wolf von Flecken ­ stein, Hans von Flörsheim, Heinrich von Landschad, Heinrich von Greiffenclau, Hieronymus von Rosen- berg und Heinrich Winter von Rüdesheim schrieben das Turnier aus in den Vierlanden (Franken, Rhein, Bayern und Schwaben), „wem es beliebe, der Ord ­ nung gemäß zu erscheinen an der Herberg zu Darm- stadt, am Sonntag vor Lichtmeß". „Am Montag wolle man auftragen, den Dienstag schauen und be ­ reiten und darnach des Mittwochs und Donnerstags turnieren, Dünke ausgeben, und was zu solchen Ehren zu Trier 1019; das 7. zu Halle tu Sachsen 1012; das 8. zu Augsburg 1080; das 9. zu Göttingen M19; das 10. zu Zürich 1165; das 11. zu Eöln 1179; das 12. zu Nürn ­ berg 1197; das 13. zu Worms 1209; das 14. zu Würz ­ burg 1235; das 15. zu Regensburg 1284; das in. zu Schweinfurt 12.96; das 17. zu Ravensburg in Schwaben 1311; das 18. zu Ingelheim 1337 ; das 19. zu Bamberg 1362 ; das 20. zu Eßlingen 1 374 ; das 21. zu Schafshausen 1392; das 22. zu Regensburg 1396 ; das 23. ZU Darm ­ stadt (s. o.) 1403 ; das 24. zu Heilbronn 1408; das 25. zu Regensburg 1412; das 26. zu Stuttgart i486; das 27. zu Landshut 1439; dazwischen fällt das Gesellenstechen zu Nürnberg 1451, das aber nicht als ein wirkliches Tournier betrachtet wird; das 28. zu Würzburg 1479; das 29. zu Mainz 1480; das 30. zu Heidelberg, das 31. zu Stuttgart 1484; das 32. zu Ingolstadt 1484; das 33. zu Ansbach 1485; das 34. zu Bamberg i486; das 35. zu Regensburg 1487; das 36. und letzte zu Worms 1487. Von da an traten die Carrousselle (Ringelrennen) an die Stelle der Turniere. — Die Turnierordnung, wie sie seit dem 1!. Jahrhundert bestand, wird dem französischen Ritter Gottfried de Preuilly zugeschrieben. — Schon in frühester Zeit eiferten die Päpste gegen die Turniere, sie bedrohten die Theilnehmer sagac mit der Exkommunikation, doch konnten sie denselben keinen Einhalt thun; es verhielt sich hier gerade so wie bei den Duellen, die ja auch bei Strafe der Exkommunikation seitens der katholischen Kirche, selbst noch durch das Tridentiner Konzil (868810 25) ver ­ boten sind. Ein gewisser Zusammenhang zwischen den Tur ­ nieren und den Duellen läßt sich übrigens nicht verkennen.