284 und Abachos, die hier bis vor wenigen Jahren gehaust und ihre Greuel verübt, haben sich vor dem schnaufenden Zuge des Pullmanblitzes weiter hinter die Berge geflüchtet und die Ruhe, die hier — ohne jede Menschenspur — über dem Desierto liegt, ist noch tiefer als die des Meeres, dessen Wellen wenigstens dem Ohre ihre Lieder rauschen. Sonderbare Welt! Drüben in unserer Heimath ringen die Menschen im Schweiße ihres Ange ­ sichts um ein kleines Heim, wo sie ihre Hütte bauen t- 1 und hier sind endlose Strecken, von der heißen Sonne vergoldet, die vielleicht nie ­ mals ein Menschenfuß betreten hat. In Calera, einem einsamen Flecken, den die Eisenbahn ins Leben gerufen, nehmen die Rei ­ senden ihr Frühstück ein — und dann geht es weiter, immer durch die Sierra nach Lerdo, Jimenez — bis der Mond sein volles Licht über Chihuahua strömt, einer malerisch unter hohen Bergen gelegenen Stadt, in deren Berghöhlen jene berühmten kleinen Hunde ihre Heimath haben, die nach der Stadt ihren Namen tragen. Sie sind nicht größer als Ratten — aber von so zarter Gliederung und schöner Form, daß sie von verschiedenen reichen Mexikanern an euro ­ päische Höfe zum Geschenk gemacht wurden. Von Zacatecas bis Chihuahua begegnet das Auge keinem grünen Baume, keiner bunten Blume! Anfänglich noch niedere Palmen und Cacteen — erstere, wie schon erwähnt, mit weißen, einsamen Blüthendolden, dann aber nichts mehr — gar nichts als verdorrte Sträucher und end ­ loser Sand. In Chihuahua erquicken sich die Reisenden mit einem leidlich guten Abendessen — immer amerikanische Küche — um sich dann, wenn das letzte Licht der Stadt im Dunkel der Nacht ver ­ schwunden ist, zum letzten Male in ihre impro- visirten Lager zu begeben. Mit dem ersten Tagesgrauen trägt die Land ­ schaft einen andern Charakter. Hohe Berge reihen sich aneinander und die frische, beinahe kühle Luft, die über die einzelnen Dörfer fährt, verräth die Nähe der nordischen Grenze. Schon um acht Uhr früh braust der Zug in den Bahn ­ hof — und man schaut befremdet auf die nie ­ deren Lehmhäuser mit den grünen Jalousieen, die auf der großen Ebene wie ausgestreut liegen. Da bleibt kein Zweifel mehr, man hat sein vor ­ läufiges Ziel erreicht, denn an dem Bahnhofs ­ gebäude liest man mit großen Lettern: „Paso bet Norte". Paso bei Norte am Rio bravo, im März 1888. H. Keller-Jordan. An Therese Kellner. (Geschrieben am „Hohen Anninger", 8. Septbr. 1888.) Aus dem Reich der Phantasien, Aus der Dichtkunst Blüthenau Willst du scheiden, willst du fliehen In das stille Heim der Frau. Und ich fürchte drum mit Zagen, Daß der Gattin süße Pflicht Dich dem Kranze läßt entsagen, Den man Dichterinnen flicht. Sei es denn! Der Gattin Pflichten Sind des Weibes höchstes Ziel Und der Mutterliebe Dichten Mehr als Sängers Lautenspiel. Doch in besserem Bedenken Ruf' ich freudig: O verzeih', Daß ich fast dich könnte kränken Mit des Alltags Einerlei. Nimmer bist du zu vergleichen Andrer Bräute bunter Schaar, Denn du trittst im eignen Zeichen Ernst und schön zum Traualtar. Und was alle in die Schranken Enger Häuslichkeit verweist, Dir vertieft es den Gedanken, Dir erweitert's Herz und Geist. Und so weiß ich schon dich heute Voll von neuem Schaffensdrang; Scheide denn und Gott geleite, Brautgeschmückte, deinen Gang. A. Hravert. Penerianisches Garrdrllied. *) Einst hat mich die Mutter im Arm getragen, Jetzt trägt mich ein Arm vom Meer; Es ruhet die Mutter ein Weilchen im Grabe, Es ward ihr das Kind am Busen zu schwer. O süße Natur! Du treueste Amme! Umarmst uns in tausendfach schöner Gestalt; Bald nahst du in Wäldern, in Bergen und Meeren, Und wiegest dich jung, uns wiegest du alt. Und wenn du uns sorglich und mühsam getragen Am Busen, so blühend und liebend und warm, Und wenn du uns küssend in Schlummer gelullet — Giebst du uns zurücke dem Mutterarm. Karl Iiinck. *) K omponirt von Zohann Lewalter.