280 sicheren Nachrichten Alles zur Flucht der Her ­ zogin mit den Fräulein v. Hagen und v. Wenge nach Köln und von da nach Brüssel vorbereitet sei und die Koffer schon gepackt bereit ständen. Zugleich zeigte der Intendant den Befehl der Herzogin vor, alle vorräthigen Gelder an sie abzuliefern und sofort nach Hanau zurück ­ zureisen. Die versammelten Herren hielten unter diesen Umständen, da eine thätige Mitwirkung der preußischen Behörden ausgeschlossen sei, Selbsthilfe für geboten, und als das einzige Mittel, die Flucht der Herzogin zu verhindern und den Auftrag des Kurfürsten auszuführen, deren gewaltsame Entführung. Diese wurde ganz in der Frühe am anderen Morgen ausgeführt, die Herzogin unter einem Vorwand veranlaßt, ihr Zimmer zu verlassen, in einen bereit stehenden Wagen gehoben und mach einer 18stündigen Fahrt nach Hanau ge ­ bracht. Dabei hatte man die Vorsicht gebraucht, die Umgebung der Herzogin mehrere Stunden lang in derem Hause eingeschlossen zu halten, so daß die nach ihrer Befreiung von jener alar- mirte Polizei und eine Abtheilung Ulanen, welche dem Wagen nacheilte, diesen nicht mehr erreichen konnte, v. Dalwigk wurde dann vom Kriminalrichter Bergmann steckbrieflich verfolgt, wie Dorow angiebt, als „Menschenräuber." Nachdem die gewaltsame Entführung ausgeführt war, traf das Antwortschreiben des Kurfürsten ein, worin solche nicht genehmigt und andere Mittel zur Erreichung des Zwecks angegeben wurden, die aber von v. Dalwigk schon vergebens versucht waren. Als dann der Kurfürst den Bericht über die geschehene Ausführung erhielt, mißbilligte er zwar entschieden den Gewaltschritt Dalwigk's, nahm sich seiner aber energisch an, als preußischerseits dessen Bestrafung ver ­ langt wurde, da, wie es in dem betreffenden Schreiben des Ministers v. Schminke heißt „die schwierige Lage die Eigenmächtigkeit und Rasch ­ heit seines Handelns sehr entschuldige." Dorow schreibt „wie diese Begebenheit geendet und wie diese arme Fürstin in Hanau nun wirklich wahnsinnig wurde und so endete, ist weltbekannt." Der in Folge der stattgehabten Entführung sich entspinnende Notenwechsel zwischen dem preußischen Gesandten von Haenlein und dem kurhessischen Geschäftsträger in Berlin, Hauptmann Willens, führte schließlich zur Abberufung beider Gesandten. Der Kurfürst hatte in einem an den König von Preußen gerichteten Schreiben sein Bedauern und seine Mißbilligung über die der Herzogin zugefügte Behandlung ausgedrückt, ohne die in Ansehung Sr. Majestät verübte Rechtsverletzung zu entschuldigen, und als preußischer Seits hierauf bestanden wurde, erklärt, daß es am gerathensten erscheine, die Frage, ob wirklich eine Gebiets- oder Rechtsverletzung statt ­ gefunden habe, wenn die diplomatischen Ver ­ handlungen nicht zum Ziele führten, der Ent ­ scheidung des Bundestags zu unterwerfen, und daß er bereit sei, wenn diese Entscheidung wider Erwarten bejahend ausfallen sollte, die Bestrafung des von Dalwigk auf angemessene Weise zu schärfen. Diese Erklärung wurde dem hessischen Bundes ­ tagsgesandten zur Kenntniß mitgetheilt und bei einer Anwesenheit von Dalwigk's in Frankfurt a. M. erklärten ihm die Bundestagsgesandten Buol Graf Schauenstein, Graf von Eyben, Pentz und von Both, daß nach ihrer Ansicht unter den obwaltenden Umständen die Wegführung der Herzogin nothwendig und die schicklichste Maßregel gewesen sei. Ebenso erklärten später die Bundes- tagsgesanden von Bayern, Württemberg, Sachsen- Weimar und Nassau, daß nach Sachlage eine Territorialverletzung nicht stattgefunden habe. Die preußische Regierung beharrte aber auf ihrem Standpunkt. Da bot sich dem Kurfürsten nach Abberusung der Gesandten ein Ausweg, von welchem er sich Erfolg versprach. Die Ver ­ mählung der Prinzessin Älexandrine von Preußen mit dem Erbgroßherzog v. Mecklenburg-Schwerin, gab ihm Veranlassung, den Kammerherrn von der Malsburg nach Berlin abzusenden, um dem König ein kurfürstliches Glückwunschschreiben per ­ sönlich zu überreichen und darin nochmals den lebhaften Wunsch zur Ausgleichung der be ­ stehenden Differenzen auszudrücken und sein Be ­ dauern über die Störung der alten freundschaft ­ lichen Verhältnisse mit dem so nahe verwandten preußischen Hose durch einen nicht nach Allerhöchster Instruktion und ohne nachherige Genehmigung von einem Seiner Diener aus ­ geführten Auftrag zu wiederholen. Der wohl ­ wollende preußische König erklärte, er wolle das Ungenügende in der Erklärung übersehen und sich damit befriedigt erklären. Die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Höfen wurden wieder hergestellt, die in Bonn verhaftete Dienerschaft der Herzogin freigegeben und auf die Bestrafung des Generals v. Dalwigk verzichtet. Damit hatte die Sache ihre Erledigung gefunden, aber eine Abbitte, wie es Treitschke a. a. O. thut, kann die Erklärung des Kurfürsten doch wohl, nicht genannt werden. —