278 Kasseler Hofe, von Hänlein, mehr oder weniger beitritt: „Dem jungen Hänlein, der jetzt den Gesandt ­ schaftsposten seines verstorbenen Vaters bekleidete, versicherte der Kurfürst oft und unzweifelhaft ehrlich, daß er sich ganz an Preußen anschließen wolle. Doch da König Friedrich Wilhelm nicht umhin konnte, zu Gunsten seiner mißhandelten Schwester, der Kurfürstin, und ihres jungen Sohnes sein Fürwort einzulegen, so nahm der Streit zwischen beiden verwandten Höfen kein Ende. Einmal kam es zum Bruch: als der Kurfürst seine kranke Schwester, die kranke Herzogin von Bernburg, bei Nacht und Nebel hatte aus Bonn entführen und nach Hanau bringen lassen. Er behauptete, die Unglückliche sei geisteskrank; er ­ wiesen ist nur, daß seit jener Ent ­ führung die Krankheit sich unverkenn ­ bar zeigte. Damals wurde Hänlein abberufen und durfte erst nach Monaten zurückkehren, während der Kurfürst wegen der Verletzung des preußischen Gebietes Abbitte geleistet hatte." Die Sache verhielt sich nach den vorhande ­ nen Aktenstücken in Wirklichkeit folgendermaßen: Die älteste, im Jahre 1768 geborene Tochter des Landgrafen Wilhelm IX., nachherigen Kur ­ fürsten Wilhelm I., Marie Friderike, war im Jahre 1794 mit dem regierenden Herzog Alexis von Anhalt-Bernburg vermählt worden. Im Jahre 1817 erfolgte die Scheidung dieser Ehe auf Grund der von dem Professor Geh. Rath Stark in Jena, den kurhessischen Hofräthen Waitz, Harnier und Heräus über den krankhaften Geisteszustand der Herzogin erstatteten Gutachten. Die schon früher bei ihr aufgetretenen Zustünde geistiger Exaltation hatten sich erheblich gestei ­ gert, waren aber von der Art , daß bei ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit, geistigen Lebhaftig ­ keit und hervorragenden Geistesbildung bei allen ihr nicht besonders nahestehenden Personen Zweifel über ihren wahren geistigen Zustand wohl entstehen konnten. Nach Rückkehr in ihr Vaterland wurde sie unter Kuratel ihres Vaters, des Kurfürsten Wilhelm I., gestellt und ihr das einige Stunden südlich von Kassel gelegene Lustschloß Wabern zum Wohnsitz angewiesen. Hier blieb sie bis zum 7. November 1820, an welchem Tage sie auf Anordnung ihres Vaters nach Hanau abreiste, um in dem dortigen Schlosse ihren Aufenthalt zu nehmen. Mit ihrer Beaufsichti- ung und Leitung ihrer Angelegenheiten wurde ier der Kommandant der Stadt, Generalmajor v. Dalwigk, beauftragt, als ein Mann, wie es in demlbezüglichen Rescript heißt, „auf welchen sich der Kurfürst völlig verlassen könne und welcher seinem Vertrauen in jeder Hinsicht durchaus entsprechen werde." v. Dalwigk erhielt vom Kurfürsten die Weisung, alle 8 Tage den Bericht des Leibarztes über den Geisteszustand der Her ­ zogin einzusenden. Dessen noch vorhandene Be ­ richte geben Zeugniß von der rücksichtsvollen Sorgfalt, welche er der Herzogin und deren An ­ gelegenheit hat zu Theil werden lassen. Diese sorgsame Behandlung hatte bei derselben einen Zustand größerer Ruhe eintreten lassen, so daß Kurfürst Wilhelm II., welcher nach dem am 27. Februar 1821 erfolgten Tode seines Vaters die Kuratel über seine Schwester übernommen hatte, kein Bedenken trug, ihr auf ihre Bitte zur Zerstreuung für die Dauer von 4 bis 6 Wochen einen Aufenthalt am Rhein zu gestatten. Mitte Mai 1822 trat sie in Begleitung eines Kammerherrn, einer Hofdame, eines Arztes und eines Intendanten ihre Reise an, besuchte die schönsten Punkte am Rhein und wählte dann zu längerem Aufenthalte Bonn, wo sie das Haus des Professors Ennemoser bezog und in der Hoffnung, ihren Gesundheitszustand dadurch zu bessern, sich einer magnetischen Kur desselben anvertraute. Der Kurfürst hatte sich unter diesen Umständen mit der Verlängerung ihres dortigen Aufenthaltes einverstanden erklärt, bis allerhand Gerüchte über ihr höchst auffallendes Benehmen, namentlich bei einem Besuche des Kölner Domes, au ihn gelangten. Zwei Schreiben vom 16. Okt. und 3. November, in welchen er sie dringend zur Rückkehr nach Hanau aufforderte, blieben unbe ­ antwortet. Als nun der preußische Hof dem Kurfürsten den Wunsch zu erkennen gab, die Herzogin möge Bonn wegen der Nähe von Düsseldorf, wo ihre Tochter, die Prinzessin Friedrich von Preußen, wohne, verlassen, und der Kurator der Universität, Geheimer Rath Rehfues, bei dem preußischen Ministerium bean ­ tragt hatte, die Abreise der Herzogin zu be ­ wirken, weil ihre Gegenwart zu schwer zu steuernden Ausgelassenheiten der akademischen Jugend Veranlassung gebe, sah sich Wilhelm II. genöthigt, in einem Schreiben vom 12. Dezbr. 1822, den General v. Dalwigk anzuweisen, sich alsbald nach Bonn zu begeben und seiner Schwester einen Brief zu überreichen, in welchem ihr die Rückkehr nach Hanau aufgegeben wurde, und ihr dabei die in dem Schreiben dafür angegebenen Gründe, welche sowohl Familien-, als Staats ­ und finanzielle Angelegenheiten beträfen, münd ­ lich eindringlichst vorzustellen. Das Schreiben an v. Dalwigk lautete: „Wir beauftragen den General v. Dalwigk hierdurch, sich sofort nach Bonn zu begeben, um die Rückkehr unserer vielgeliebten Schwester so schleunig als möglich zu Stande zu bringen. Da jedoch, der Ausführung seines Auftrags sich