269 — Aus alter und neuer Zeit. — Ein Nachspiel zur Jnhaftirung der Damen des Stifts Wallenstein zu Hom ­ berg 180 9. Es ist leider eine Thatsache, daß bei Invasionen von Ländern durch fremde Eroberer Ein ­ geborene mehr als die Eindringlinge selbst sich in der Verfolgung derjenigen ihrer Mitbürger aus ­ zeichneten, die Treue zu ihrem angestammten Fürsten und Liebe zur Heimath nicht verleugneten. Indem ich in den Notizen blättere, die ich vor Jahren aus Anlaß der Vorstudien zu meiner Erzählung „Rothweiß" sammelte, stieß ich auf Mittheilungen eines Augenzeugen der von Dörnberg'schen Schilderhebung, des zu Sontra vor einigen Jahren Heimgegangenen Kurfürstlichen Kammerherrn Wilhelm v. Baumbach, eines jüngern Bruders der Heldin in dem großen hessischen Trauerdrama des Jahres 1809, Karoline von Baumbach, die ich in den nachfolgenden Zeilen wiedergebe, weil sie eine Illustration zu dem Gesagten liefern. Es war im Februar des Jahres 1814, als der dritte Bruder des Kammerherrn von Baumbach, Namens Karl, welcher damals Kommandeur der Hanseaten war, nach Hessen kam und bei dieser Gelegenheit dem aus seiner Verbannung zurückgekehrten Landesherrn, Kurfürsten Wilhelm L, seine Aufwartung machte. Dieser Karl von Baumbach*) hatte bereits 1808 eine Revolte in Homberg geleitet, und in Folge dessen eine Zeit lang das Kastell in Kassel geziert, war dann zum Kurfürsten nach Prag entflohen, von wo er unter die Hanseaten ging. Bei der erwähnten Vorstellung kam der Kurfürst auf die Hornberger Insurrektion zu sprechen und er ­ kundigte sich eingehend nach den Umständen bei der Gefangennahme und Wegführung der Patrioten, namentlich der Damen des Stifts Wallenstein und der übrigen in den Aufstand verwickelten bürgerlichen Frauen. Von Baumbach schilderte der Wahrheit gemäß, wie es der damalige Kantonsmaire von Homberg, R , gewesen sei, der es an Rohheit und Rücksichtslosigkeit gegen die Damen selbst den Fran ­ zosen von Geburt zuvor gethan habe und schloß mit der Bitte um Verhaftung und Bestrafung des Mannes, dessen Gebühren durch nachfolgende Stelle, die ich einem Briefe des Kammerherrn von Baumbach entnehme, so recht gekennzeichnet wird. Die Stelle lautet: „Mit der Verhaftung und Fortbringung der Damen des Stifts Wallenstein, meiner engelguten Tante und meiner Schwester Karoline beschäftigte sich besonders thätig der Maire R . .... . . . von Homberg. Tags darauf sandte mein Vater eine sichere Person und mich nach Homberg, um noch etwa vorhandene *) Starb, wenn ich nicht irre, als Oberst zu Ober- möllerich. Papiere bei Seite zu bringen. Wir fanden aber in dem Baumbach'schen Hause eine Zerstörung und Verwüstung, die mir unvergeßlich geblieben ist. Alle Schränke und Kommoden waren geöffnet, Kleidungs ­ stücke und Wäsche waren herausgerissen und umher ­ gestreut. Der Fußboden mehrerer Zimmer war mit Papieren und Briefschaften bedeckt, selbst die Betten waren aufgeschnitten und nach Schriften durchsucht." Der Kurfürst gewährte die Bitte, und R 's Verhaftung fand statt. Niemand ahnte den Zu ­ sammenhang. Die Gattin R 's aber stürmte sofort nach Lenderscheid,, dem Sitze Derer von Baum ­ bach, und flehte den Vater Karolinens um Für ­ sprache für ihren Mann bei dem Allerhöchsten Herrn in Kassel an. Der alte Edelherr lehnte entschieden ab; nicht aus Haß gegen den Bedränger seines Kindes, sondern weil er dem so wenig vaterländisch gesinnten Manne die Lektion gönnte. Er sprach das auch ganz rück ­ haltslos gegen die Frau aus. Diese ging in der Seele betrübt nach Hause, denn sie hatte alle ihre Hoffnung auf den Einfluß gesetzt, den, wie männig- lich bekannt, der Patriot bei seinem Fürsten hatte. Allein sie kam von Woche zu Woche wieder und flehete — ein anderes kananäisches Weib — immer wieder um Hülfe, bis endlich der alte Herr ihr versprach, demnächst dem Fürsten seine Aufwartung zu machen und bei dieser Gelegenheit ein gutes Wort für ihren Mann einzulegen. Und so kam es. Kurfürst Wilhelm, obgleich per ­ sönlich Feind aller Derer, die es mit den Franzosen gehalten hatten, begnadigte in Ansehung der Person des Fürsprechers dessen Bitte sogleich, äußerte aber zu dem alten Herrn gewandt lachend: „Sonderbar! Der Sohn hat um die Bestrafung des Mannes ge ­ beten, und der Vater bittet um dessen Freilassung! Sonderbare Menschen seid Ihr Baumbach's!" und damit erhielt der Edelherr zuerst davon Kenntniß, daß die Ursache zur Verhaftung R 's sein Sohn Karl gewesen war. M. — Die Zerstörung der Stiftskirche in H e r s f e l d. (Entgegnung auf den Aufsatz des Herrn v. Stamford in Nr. 16 des „Hessenland": Ein Stück französischer Kriegsführung.) Den Theilnehmern der diesjährigen Jahresversammlung des Hessischen Geschichtsvereins, die bekanntlich vom 30. Juli bis 1. August in Hersfeld stattfand, ward eine sehr hübsch ausgeführte Festkarte überreicht, auf der oberen Hälfte eine Ansicht der Stadt aus dem Jahre 1655, auf der unteren die Westansicht der Ruine der Stifts ­ kirche darstellend. Die Bildchen sind so sauber und nett ausgeführt, daß wohl ein jeder sich die Karte um ihrer selbst willen, nicht nur als eine Erinnerung an angenehm verlebte Tage aufheben wird.