216 und wann nur stieß ein aus dem Schlafe auf ­ geschrecktes Vöglein einen leisen Ton aus. Erleichtert athmete Marielies auf, als ihre Gefährtin kurz vor dem Dorfe abbog. Nun konnte sie wenigstens noch eine kleine Strecke mit sich allein sein! Die Aeußerung des Kräuterbast und das Mittel, um den Rechten zu entdecken, kamen ihr nicht aus dem Sinn. Zwar hatte sie anfangs darüber gelächelt und gar nicht daran gedacht, es einmal bei sich selbst anzuwenden, aber weil sie doch morgen für den Schimmel die schwarze Nieß- wurz holen mußte, bot sich ihr die beste Gelegen ­ heit, die Wirksamkeit des Zaubermittels einmal zu probieren. Im stillen Grunde wuchsen Ver ­ gißmeinnicht die Hülle und Fülle, warum sollte sie vorübergehen, ohne eins derselben für den geheimnißvollen Zweck gepflückt zu haben? — Marielies gestand es sich selbst nicht zu, aber was ihr der Kräuterbast von dem ehrenfesten armen Burschen gesagt hatte, war gerade genug, um alle ihre strengen Ansichten und Vorsätze über den Haufen zu werfen. Wie ein Sonnenstrahl durch dichtverwachsenes Geäste flog plötzlich auch eine beseligende Ahnung durch ihre Seele. Dann fing sie an zu rechnen, wie viel Stunden noch verstreichen müßten, bis sie dem Schimmel die schwarze Nießwurz auf dem Woddensberge holen könne. Während das Mädchen auf dem Heimwege seine Pläne faßte, saß der Kräuterbast am offenen Fenster des kleinen Stübchens und rauchte im Mondscheine sein Thonpfeifchen. Schalkhafte Freude blitzte dabei aus den Augen und spielte um den Mund des Alten. Fest war er ja überzeugt, daß zwei für einander geschaffene Menschen durch ihn bald ans rechte Ziel geführt werden würden. IV. Als am anderen Morgen die ersten Sonnen ­ strahlen kaum die Libellen in den Binsen am Bächlein, die Heimchen im hohen Gras und die Staare in den Kästchen an der alten Birke geweckt hatten, stand der Kräuterbast, für den täglichen Waldgang gerüstet, bereits in der Thür seines Häuschens. Eine Anzahl pausbäckiger Kinder hatte sich zärtlich an ihn herangedrängt und suchte, bevor er ging, noch eine Liebkosung von ihm zu er ­ haschen. Er herzte sie alle der Reihe nach, streichelte ihnen die blonden und braunen Köpfe und ging so lange auf ihre Neckereien ein, bis Berthold, der Verwalter aus dem Bühlhofe, vor ­ überkam und den Alten fragte, ob er mit nach dem Walde wolle. Dieser nickte und trat zu dem Burschen. Dann schritten sie zusammen nach dem stillen Grunde und bogen dort in eine Tannenschonung ein, durch die ein schmaler Pfad später zwischen hohen uralten Bucheil hindurch bis nach dem Dorfe Elbengrund hinunterführte. Beide trennten sich erst, als ein kurzer Steig »ach einer lichten Stelle im Walde abbog, wo einige gefällte Bäume lagen und eben mehrere Arbeiter mit Aexten, Sägen und Beilen ankamen, um ihr Zerstörungswerk fortzusetzen. Ueber den wichtigsten Gegenstand, um den sich gestern ihre ganze Unterredung gedreht hatte, wurde heute kein Wort gesprochen. Berthold ver ­ schwieg dem Krüutcrbast, daß er Marielies gestern noch einmal gesehen, und dieser ließ nicht das Geringste von dem Besuche des Mädchens merken. Er erkundigte sich nur sehr eingehend, ob sein junger Freund noch bis zum Abendläuten im Walde die Arbeiter anzuweisen habe und war sichtlich über die Mittheilung erfreut, daß Berthold ganz bestimmt vor sieben Uhr seinen Posten nicht verlassen könne. Da der Alte am Nachmittage wieder Pflanzen in der Nähe sammeln wollte, bat er den Burschen, um diese Zeit oder vielleicht auch etwas später im Buchensteig ans ihn zu warten. Mit herzlicher Bereitwilligkeit sagte Berthold dies zu. Dann bat er den Kräuterbast noch, sich ja nicht zu überhasten und stets zu bedenken, daß es seinen jungen Beinen nichts schade, wenn er etwas länger, als verabredet, zwischen den alten Buchen auf und ab gehen müßte. Als ob die Stunden heute noch einmal so lang seien als sonst, so trüge und schleppend machte für Marielies der Zeiger der Schwarzwülder Uhr in der Wohnstube auf dem Zifferblatte seine Runde. Noch nie war ihr ein Tag so lang ge ­ worden. Aus der Küche ging sie zu den jungen Kälbern, von da nach dem Garten hinter dem Hause, von dort nach dem kranken Schiinmel. Nirgends hatte sie lange Ruhe. Hannes sah. daß etwas ganz Besonderes in seiner jungen Herrin vorging. Da er keine andere Erklärung dafür finden konnte, hielt er es für angstvolle Besorgniß um das kranke Pferd. So viel Theil ­ nahme für ein Stück Vieh kam ihm aber wie eine Sünde vor, weshalb er Marielies ernstlich mahnte, das Bangen nicht zu übertreiben und die Hoffnung nicht aufzugeben. Seit gestern hatte sich ja der Zustand des Schimmels nicht ver ­ schlimmert, und wenn erst die Zauberwurzel ihre Wirkung that, dann mußte sich alles wieder zum Besten wenden und das treue Thier noch ein paar Jahr erhalten bleiben. Schweigend hörte das Mädchen die Reden des alten Knechtes an, aber sie klangen nur wie eilt fernes Geräusch an ihr Ohr. Heute vermochte Marielies aus nichts dauernd ihre Aufmerksamkeit zu lenken, sie horchte zum erstenmale auf, als die bereits etwas schnarrende Stimme der alten