187 Freunde bleiben wollen, dann muß ich mir in Zukunft so 'en Gered' verbitten." „Ei, thu doch nit so, Jung, als ob ich dir aut Schimpirliches zugetraut hätt'! Wann's keinem anderen Menschen was schad't und einem selbst 'ne Wohlthat ist, kann man sich schon etwas weis machen. Bei dir will ich's ja nit leugnen, daß ich meiner Greth ihren sieben Kindern zu lieb, apparti bei dem Weibsvolk, gar manch Gemimpel und Gemampel um's Kräuterwerk herum machen nluß, was mir am End' gar selber wie Wahr ­ heit vorkommt. So geht dir's auch, nur Widder in 'nere annere Art." Berthold blieb stehen und sah dem alten Mann in sein treues redliches Antlitz, in dem unter buschigen Weißen Brauen die wasserblauen Augen wie zwei Edelsteine erglänzten. „Ja, Bast," sagte er, des Alten Hand erfassend, „Ihr habt recht. Was soll ich euch länger 'ne Komödie vorspielen. Ich mach' mir etwas weis, weil ich mich vor mir selber schäm'. Wie oft hab ich mir schon gelobt, Sonntags daheim zu bleiben und ein schön Buch zu lesen, aber es geht nit. Es reißt und zerrt an mir, bis ich dort oben war und wenigstens einmal auf's Gehöft hinab geschaut hab." „Warum marschierst du denn nit frank und frei auf dein Ziel los und redst 'en offen Wort mit der Dirn?" „Davor soll mich unser Herrgott in Gnaden bewahren! Ich will nit auch zu den Ochsen gehören, die an ihr Joch gespannt sind und nach ­ her wieder laufen können. Wenn sie die reichen Protzen so abspeist, wie that sie's erst unser einem machen." Sie gingen weiter. „Na, das kann man nit wissen, Berthold," sagte der Alte. „So 'ne Dirn ist en absonderlich Ding. Man guckt nit klar auf den Grund wie bei 'nein tiefen Zugborn. Die Marielies hat doch als Kind schon so gern mit dir zu thun gehabt!" „Die Zeit und die Leut' sind veränderlich, Bast. Ihr wißt ja, wie's in dem alten Sprüch ­ lein heißt: ,Auf Herrengunst und Weiberlaun', Da sollst du nimmer Häuser bau'n? Marielies ist ganz anders worden wie früher. Weil sich so viel erbärmlich Gelichter an sie her ­ angedrängt hat, derenthalben schenkt sie keinem Burschen mehr Vertrauen und nimmt nur einen, der ebenso schwer*) ist wie sie selbst." Mit theilnehmendem Blick streifte der Kräuter ­ bast das erregte Antlitz seines jungen Freundes und versetzte: „Guck enmal an, wie man sich bei dem Weibsvolk doch tauschen kann. Solche *) ebensoviel besitzt. Mucken hat die Dirn int Kopf, und sie schaut doch so freundlich und gut aus wie die liebe Sonn'." „Ja, das ist wahr," bestätigte Berthold mit Wärme. „Und ich mach Euch gegenüber auch keinen Hehl draus, Bast, selbst, wenn sie so arm wär' wie die lahme ©ritt im Gemeindshaus, ich zög' sie der Reichsten vor und wär' über alle Maßen glücklich init ihr. Wie aber die Sacheit alleweil stehen, kann ich mich nur zusammen ­ nehmen, daß ich den Kopf oben behalt' und nit noch zu allem anderen Unglück zum Leutegespött werde." „Vergeben darfst du dir naut, das ist wahr, Berthold," meinte der Alte. Ohne etwas mit einander zu reden, gingen sie dann ein Stück weit den Feldweg entlang, dann begann der Kräuterbast wieder: „Wie gerne möcht' ich dir den Druck vom Herzen schaffen, Jung! Aber unser Herrgott hat nun einmal naut Heilsames gegen solch' en Gebrest *) wachsen lassen. Verlier nur deinen Muth nit!" „Seid ohne Sorge, Bast. Desperat werd' ich nit werden, dazu hab' ich zu viel Arbeit. — Die Zeit soll ja auch ein gar guter Doktor sein. Alleweil weiß ja zum Glück niemand, wie schlimm's in mir ausschaut, wie Ihr und der Barthel." Indessen waren sie an einem Punkte ange ­ kommen, wo sich drei Wege kreuzten. Der eine führte von Elbengrund herauf nach dem höher gelegenen Wildenborn, ein anderer, mählig ab ­ fallender, mündete in einen Steig zwischen betn Waldrande und einer sumpfigen Wiese, ein dritter verlor sich nach kurzer Strecke in einem kleinen Hain, hinter dessen jungen Bäumen der Schorn ­ stein einer Backsteinfabrik emporragte. Berthold blieb stehen und sah in den Wieseitgrund hinunter, wo eben ein junger Mann den Steig entlang kam und freundlich heraufgrüßte. Als beide den Gruß erwidert hatten, sagte Bast: „Der Barthel ist doch accurat wie 'en Uhr ­ werk. Wann er den stillen Grund herkommt, weiß man immer, daß es auf das Haar halber sechs ist." „Ja, er ist die Pünktlichkeit selbst. Ganz genau hat er sich ausgerechnet, wieviel Zeit er von einer Fabrik in die andere braucht, um die Leut' nit auf 'neu Bescheid warten zu lassen. Dernthalb hängen sie aber auch an ihm wie noch an keinem Aufseher." „Gewiß, er ist en braver Bursch und der rechte Kamerad für dich. Da hat einmal der gleiche Name zwei gleiche Geinüther zusammengeführt. Gelt, es war doch der Name, der eure Freund ­ schaft eingefädelt hat?" *) Leiden.