119 sich stets auf dem Wochenmarkt einfand, um Be ­ kanntschaft mit den Gemüsefrauen zu machen; da ­ bei besorgte er kleine Einkäufe und trug solche in einem roth baumwollenen Taschentuche nach Hause. Ebenso, wie er sich die Gunst der Ge ­ müsefrauen erwarb, nahmen auch die Trödlerinnen sein Interesse in Anspruch, auf allen Auktionen sah man ihn in ihrer Mitte. Man fragte wohl. ob die Schwester gar keinen Einfluß auf ihn aus ­ zuüben im Stande sei, es muß aber nicht mög ­ lich gewesen sein, obgleich Beide in größter Ein ­ tracht neben einander lebten. In den Abendge ­ sellschaften nahm Baron Karl sich sehr zusammen, schien sich aber nicht recht wohl dabei zu fühlen. In erster Zeit wohnte er bei der Schwester, doch konnte er es in den beengenden Räumen der Stadt nicht lange aushalten, er kaufte bei Roteu- ditmold einen Garten mit einem kleinen Haus, welches er alsbald allein bezog. In diesem romantisch gelegenen Berggarten gab er eines Tages einigen Bekannten seiner Schwester ein ländliches Fest. Bei ihrer Ankunft wurden die Gäste mit Kaffee bewirthet, wozu er eigenhändig Kartoffelpfannkuchen gebacken hatte. Diesen Pfann ­ kuchen folgten noch andere Gerichte, die aber jeder Beschreibung spotten. Bei alledem war es ein heiteres Fest und die schönen reifen Stachel ­ beeren machten vieles gut. Seine Wohnung hatte Herr von Mettingh nach altegyptischer Weise eingerichtet, wo damals Menschen und Thiere sich in ein und demselben Raum befanden. Auch auf seinem Bett stolzirte ein Hahn mit mehreren Hühnern herum und neben dem Schlaf ­ gemach vernahm man das melodische Grunzen eines kleinen Schweines. Jahre kamen und gingen und wie hinieden nichts festen Bestand hat, änderte sich auch Manches in den Verhältnissen und der Lebens ­ weise der Mettingh'schen Geschwister. Hatte die Sichel des Todes schon verschiedene Personen aus dem trauten Bekanntenkreis hinweggemäht, so war es auch Fräulein von Mettingh selbst, welche sich mehr und mehr von allem geselligen Verkehr zurück zog und einem stillen Trübsinn anheim fiel, was dem Bruder großen Kummer verursachte. Er überlegte, was wvhl zur Er ­ heiterung der geliebten Schwester beitragen könnte und kam zu dem Entschluß, sein kleines Grund ­ stück wieder zu verkaufen, wozu sich gerade eine vortheilhafte Gelegenheit darbot und einen Garten mit einem größeren Haus zu erwerben, damit sie wieder zusammen wohnen könnten. Auch hoffte er, daß frische Luft, Blumen, Sonne und Vogelgesang wohlthätig auf das verstimmte Gemüth der Leidenden einwirken könnten. Sie theilte diese Hoffnung und konnte nun kaum er ­ warten, bis die neue Wohnung in Stand gesetzt war. Die Wahl dieses Grundstücks war aber eigentlich keine günstige zu nennen, da dasselbe sehr einsam an der Mombach, in der Nähe des Friedhofs lag. Der Garten selbst hatte manches Anziehende, Blumen in Menge, viele Obstbäume und eine duftende Fliederlaube, auch das Haus bot zur gemeinsamen Wohnung hinlänglichen Raum. Beim Nahen des Frühlings schien sich Philippine wirklich geistig und körperlich zu er ­ holen, sie fand wieder Freude am Lesen, nahm Handarbeiten vor, beschäftigte sich im Garten, auch fanden alte Bekannte, die zum Besuch vor ­ sprachen, freundliche Aufnahme. Eine große Unvorsichtigkeit hatte Herr von Mettingh dadurch begangen, daß er in der abge ­ legenen Wohnung keinen Diener, nicht einmal einen Hund anschaffte; diese Unvorsichtigkeit sollte leider die traurigsten Folgen nach sich ziehen. Es mochte ein Jahr verflossen sein, seitdem die Geschwister das neue Heim bezogen hatten, als eines Tages der Bruder sich wie schon oft, auf ein Stundenpaar entfernte. Bei seiner Rückkehr sah und hörte er zu seinem Befremden keine Spur von der Schwester, die ihm sonst immer entgegen kam. Welches Entsetzen aber erfaßte ihn, als er in ihrem Zimmer den Schreib ­ tisch und eine Kommode erbrochen fand, von ihr aber noch immer keine Spur entdecken konnte. In Todesangst durcheilte er das ganze Haus und fand sie endlich im Keller eingeschlossen, be ­ wußtlos zusammen gesunken. Er trug sie auf ihr Bett, holte so rasch als möglich einen Arzt herbei und es gelang endlich sie wieder in das Leben zurück zu rufen, auch das Bewußtsein kehrte wieder und sie gab an, daß wild aussehende Männer eingedrungen wären, ihr einen Schlag auf den Kopf versetzt und sie alsdann in den Keller geschleift hätten. Die Bösewichter wurden später ermittelt und zur verdienten Strafe ge ­ zogen, die arme Schriftstellerin aber konnte sich von diesem Schreckniß nie mehr erholen. Auf den Wunsch des Arztes bezog sie wieder in der Stadt eine freundliche Wohnung vor der „Katlenburg", im Hause des Goldarbeiter Kaupert, und der Bruder verschrieb eine entfernte Verwandte zu ihrer Pflege, diese aber soll ihr Amt mehr als schlecht und gewissenlos verwaltet haben, nachdem sie sich zuvor zur Erbin hatte einsetzen lassen. Sie schloß die hilflose Kranke von jedem Verkehr ab und ließ außer dem Bruder keinen Menschen mehr zu ihr. — Es sind gerade im Mürz achtundzwanzig Jahre geworden, als der Tod, der einzige Erretter,