118 auszeichneten, so daß, als einst die Marie Stuart gelesen wurde, ein fremder, anwesender Schau ­ spieler meinte, eine solche Leistung in einem Dilettanten-Kreis sei etwas ganz Außergewöhn ­ liches und für ihn unfaßbar. Das waren die angenehmen, unvergeßlichen Abendgesellschaften bei Philippine von Mettingh. Alle diese Männer und Frauen, die einst mit warmen Herzen dem Ideal zugestrebt, sie sind, mit wenigen Ausnahmen, hinübergegangen, ihr irdisches Theil ruht in stiller Grabesnacht, wohin der wildfluthende, heiße Lebensstrom nicht mehr dringt. Wir, die noch Lebenden, können nur noch die Erinnerung an sie, besonders an die liebens ­ würdige Schriftstellerin wachrufen und so eine kleine Blume auf den eingesunkenen Todtenhügel pflanzen. — Philippine von Mettingh war die einzige Tochter des fürstlich Anhalt-Bernburgischen Geheimen Rathes, Baron von Mettingh. Derselbe hatte seine Gattin früh verloren und übertrug alle Zärtlichkeit auf die Tochter, die ihm lieber gewesen zu sein scheint, als der Sohn Karl, dessen Erziehung etwas vernachlässigt wurde. Philippinens Charakter bekam unter des Vaters Leitung eine ernste, fast strenge Richtung und eine unglückliche Jugendliebe nahm den warmen, heiteren Sonnenschein aus ihrem Leben. Nicht Untreue, auch nicht der Tod hatte diesen Herzens ­ bund getrennt; der Mann, den Philippine liebte, war katholischer Priester und so ihren Wünschen unerreichbar. Wie diese Liebe begonnen, und ob der Gegenstand derselben schon durch die letzten Weihen gebunden, oder später von Um ­ ständen gedrängt, einen Stand wählen mußte, der das Glück der Liebe ausschließt, vermag ich nicht zu sagen. Hinzufügen kann ich aber, daß jener Geistliche später zu hoher Würde gelangt und auf einen der ersten Bischofssitze Deutschlands erhoben worden ist. Philippine hat ihre erste, einzige Liebe niemals vergessen; es ist in späterer Zeit, als sie schon in Kassel wohnte vorgekommen, daß ein zufälliger Besuch die Einsame mit thränenfeuchten Augen beim Lesen alter Briefe angetroffen hat, weh ­ müthig einen Ring mit einem kleinen weißen Hund betrachend. Zwar hatte sie sich einige Jahre später, als ihr Liebesfrühling verblüht war, auf den innigen Wunsch des Vaters, der sie nicht schutzlos in der Welt zurück lassen wollte, entschlossen, einem jungen Arzt ihre Hand zu reichen, der ein treuer Freund ihres Hauses war, ihr auch in schwerer Krankheit durch Ge ­ schicklichkeit und sorgsame Pflege das Leben ge ­ rettet hatte. Dieses Verhältniß trennte kurz vor der Hochzeit der Tod; die verwaiste Braut beklagte den Freund, betrachtete es aber als Er ­ lösung, daß sie nun von den Ketten der Ehe, wie sie sich ausdrückte, auf immer befreit war. Einen Heirathsantrag des Schriftstellers Krug von Nidda wies sie mit Entschiedenheit zurück. Kurze Zeit darauf starb der Vater; sie stand allein, da ihr Bruder ein kleines ihnen zugehöriges Gut selbst verwaltete, wohin sie mit ihrem regen Geist sich nicht zurückziehen wollte. Ihre Vaterstadt Bernburg hatte allen Reiz für sie verloren und sie faßte den Entschluß, nach Kassel zu ziehen. Kassel hat früher eine besondere Anziehungskraft für tiefere Gemüther gehabt; ein eigener poetischer Hauch schwebte gleichsam über dieser, in besonderer Obhut der heiligen Elisabeth stehenden Stadt, wofür jetzt freilich Niemand mehr ein Verständ ­ niß haben kann. Hier nun fand auch die einsame Schriftstellerin eine neue und bleibende Heimath. Ihr Glück, vielmehr ihre Zufriedenheit fand sie in ihrem schriftstellerischen Beruf und ernsten wissenschaft ­ lichen Studien, besonders zog sie das Studium der Geschichte an, dem sie mit großem Eifer oblag. Ihre meisten Schriften sind historische Novellen; mit gewissenhafter Treue sind die Begebenheiten ge ­ schildert, aber ein ernster, oft finsterer Geist weht durch sie hin. Meist sind sie Geschichts ­ epochen entnommen, wo Thränen der Verzweiflung sich mit rauchenden Trümmerhaufen und Strömen Blutes gemischt haben. Die krassesten Scenen sind stets mit haarsträubender Genauigkeit ge ­ schildert, nur fehlt oft ein versöhnendes Element. Liebesscenen schilderte sie ungenügend, hingegen wurde vvn der Kritik ihr umfassendes Wissen, ihr knapper, männlicher Stil hochanerkannt und gerühmt. Bei solchen Beschäftigungen schwand rasch die Zeit, am Abend suchte sie Gesellschaft auf, sie hatte sich in kurzer Zeit viele liebe Bekannte erworben, auch liebte sie den Besuch des Theaters, namentlich sah sie gern Trauerspiele. Mit den Jahren wurde ihr endlich doch das einsame Leben peinlich, deshalb beredete sie ihren Bruder, an dem sie trotz aller Verschiedenheit mit großer Liebe hing, das Gut zu verkaufen und auch nach Kassel zu ziehen. Alle Bekannten waren auf den Bruder der geistreichen Schrift ­ stellerin gespannt, der auch wirklich bald erschien, aber weder in seinem Aeußern, noch im Umgang an die Schwester erinnerte. Ich sage nicht, daß Baron Karl häßlich oder dumm war, im Gegen ­ theil manches richtige Urtheil kam über seine Lippen, dabei besaß er eine unendliche Gut- müthigkeit, war aber vollständig verbauert. In früheren Zeiten hat es in Kassel manche originelle Menschen gegeben; aber wohl keinen adligen Gutsbesitzer, welcher in nachlässiger Kleidung, mit gruben nägelbeschlagenen Schuhen