74 Kine Kadikalkur. (Erjäljsung von Wilhelm Vermerke. er erste Tag des Schützenfestes hatte Jung und Alt auf der bei dem Städtchen gelegenen Anhöhe versammelt, wo der Schießstand sich befand und die Zelte aufgeschlagen waren, in welchen den leiblichen Genüssen gehuldigt wurde. An Drehorgeln und einem Caroussel fehlte es auch nicht, ein Jongleur und Spaßmacher pro- ducirte seine Künste und ein Glücksrad bot die verlockende Aussicht, zu ganz „außerordentlichem" Gewinnst. Den Mittelpunkt des ganzen Treibens aber bildete, wie es bei solchen Gelegenheiten wohl überall der Fall ist, der Tanzboden, wo die aus der nächsten Garnisonstadt herüber ­ gekommene Militärkapelle ihre lustigen Weisen erklingen ließ. Die rechte Gemüthlichkeit beim Tanzvergnügen hatte jedoch noch nicht um sich gegriffen, und das lag zumeist an den jungen Herren, die sich zu den Honoratioren zählten und bei Tag nur mit den Damen ans ihren Kreisen tanzten. Die einfacheren Bürgermädchen aber fanden , sich hierdurch gekränkt, da dieselben wohl aus Erfahrung wußten, daß die galanten Jüng ­ linge später, wenn die Frau Bürgermeisterin mit ihren lang aufgeschossenen Töchtern, oder die Frau Doktor'n mit ihrer Nichte sich nach Hause zum Abendessen begeben hatten, sie sofort engagiren würden, aber wer ihnen bei Tag die Ehre nicht schenkte, dem verabredeten sie sich, des Abends einen Korb zu geben, der nicht hinter den Spiegel gesteckt werden solle. In dem am feinsten ausgestatteten Zelt saß an einer weiß ­ gedeckten Tafel eine Gesellschaft von Herren und Damen, denen man es ansah, daß sie sich ein ­ bildeten, dem Volke mit ihrer Gegenwart gewisser ­ maßen ein Opfer gebracht zu haben, aber es konnte doch, wie die Verhältnisse in der kleinen Stadt lagen, nicht vermieden werden, hin und wieder mit den „Leuten" zusammen zu kommen undso bequemte man sich denn auch dazu, ein Stünd ­ chen den Schützenhvf zu besuchen und an einem reservirten Platze, wenn auch nicht an der Be ­ lustigung selbst Theil zu nehmen, so doch der ­ selben zuzusehen. Einer dieser Gruppen, sie be ­ stand aus zwei Damen und einem Herrn, schien sowohl von Seite der Honoratioren, wie von dem außerhalb des Zeltes sich vorbeitreibenden gewöhnlicheren Theil der Festgenossenschaft be ­ sondere Aufmerksamkeit gewidmet zu werden, ob ­ wohl in ihrem Aeußeren keineswegs was besonders Bemerkenswerthes lag. Die eine der Damen mochte fünfzig Jahre zählen, die andere dagegen befand sich noch in einem sehr jugendlichen Alter. Die Kleidung beider war sehr einfach, die Weitere trug ein schwarzes Lüsterkleid von altfränkischem Zuschnitt, auf dem schon grauschillernden Haar eine Kopfbedeckung von schwarzen Spitzen, welche halb als Hut, halb als Haube gelten konnte. Der Gesichtsausdruck der Dame war kalt und streng, ihre Figur schmal und unansehnlich. Es war Frau Hulda Schröder, die Gattin des reichsten Mannes in dem Städtchen, des Besitzers einer wohl rcnommirten Tuchfabrik. Das neben ihr sitzende, junge Mädchen im bescheidenen Musselin ­ kleidchen war Dora Köhler, ihre Pflegetochter, eine unmuthige Blondine, in deren feingeschnittenem Gesicht jedoch ein schwermüthiger Zug störend hervortrat, welcher durch den Ausdruck der großen, dunkelblauen Augen nicht gemildert wurde. Der junge Mann, der hinter ihrem Stuhle stand, war ein geschniegeltes Herrchen, blaß, schlank und verlebt, der Geschäftsführer in der Fabrik ihres Pflegevaters. „Bei Schröder's ist auch nicht Alles richtig." flüsterten die Leute sich zu. „Seht nur, wie die Dora Köhler guckt — die möchte auch lieber Jemand Anders uin sich haben." — „Ist denn der Franz nicht zum Schützenfest angekommen?" „O, gewiß, gestern Abend schon, er ist drüben beim Schießstand — aber, wo nur der Alte stecken mag?" — Ein neuer Tanz begann, der geschniegelte Geschäfts ­ führer bot Dora seinen Arm, welchen diese mit einem tiefen Seufzer annahm und sich zuni Tanz ­ platz führen ließ. Mit einem seltsamen Blick sah Frau Hulda dem Paare nach und schien sich dann in Gedanken zu versenken, da trat er auf den Plan, er, Daniel Schröder, der reiche Mann, der Fabrikherr, der zweihundert Arbeiter im Solde hatte, für die er, ein zweiter Heinrich der Vierte, so väterlich sorgte, daß jeder Sonn ­ tags seinen Braten im Topf hatte. Mützen und Hüte wurden ihm entgegen geschwenkt, wie aber sah diese Majestät en miniature aus? Man stelle sich einen mittelgroßen, mageren Mann vor, in tadellosem, ja svgar kokettem schwarzen Anzug und blendend weißer Wäsche, den Cylinder etwas schräg auf dem Kopf, in der herabhängenden rechten Hand ein großes, blauseidenes Taschen ­ tuch herumschlenkernd und dabei mit Hahnen ­ schritten einhergehend. Er war kaum sechsund ­ fünfzig Jahre alt, aber sein kurzgeschnittenes Haar war schneeweiß und das kleine, aus den Vatermördern hervvrlugende Gesicht mit den wässerigen Angen trug den unverkennbaren Stempel der Trunksucht. „Hoch, Herr Daniel Schröder!"