53 Wurden durch die Schlachten von Lützen und Bautzen noch einmal getrübt. Da trat während des Waffenstillstandes Oesterreich auf die Seite der Verbündeten und mit diesem Schritt hielt man Napoleon's Geschick für entschieden. Zwei westfälische Husaren-Regimenter waren zu den Oesterreichern übergetreten. Napoleon's Sieg bei Dresden mußte zwar durch ein Tedeum gefeiert werden; aber es war auch das letzte, das die westfälische Regierung auf Befehl des Kaisers anordnete. Die Siege der Verbündeten an der Katzbach, bei Großbeeren und Dennewitz führten die Nord ­ armee über die Elbe, und Parteigänger dieses Heeres streiften bis Halle, Eisleben, Halberstadt, ja selbst bis in die Nähe von Hannover. Am 27. September verbreitete sich die Nachricht von der Besetzung Braunschweigs durch ein preußisches Streifcorps. An demselben Tage war bei uns in Kauffnngen der Verificateur von Czarnowski zur Kassenrevision eingetroffen. Wir waren im Bureau mit Protokollen und Abschlüssen bis spät Abends beschäftigt, dann legte ich mich ermüdet in dem Zimmer neben dem Bureau zu Bett. Gegen Morgen, es mochte etwa fünf Uhr sein, wurde ich durch Pferdegetrab geweckt. Ich stand auf, sah durch's Fenster und gewahrte eine Reiterkolonne, die still und lautlos vorüber zog. Die Reiter hatten lange Mäntel um und Helme auf; ich hielt sie für Kürassiere und da sie so still und eilig waren, vermuthete ich, es seien französische oder westfälische Truppen, die im Rückzug begriffen. Ich weckte einen zweiten Bureaugehilfen, den jüngeren Bruder meines Onkels, und als wir jetzt auch Reiter mit Lanzen von ungewöhnlicher Länge sahen, wurden wir doch zweifelhaft. Ich öffnete die Hausthür. Da trat mir aus der Morgendämmerung und dem dichten Nebel ein blau gekleideter, stämmiger, langbärtiger Mann entgegen, mit zwei Pistolen im Gurt und rief: „Wutki!" Ich fchrie so laut: „Onkel die Kosacken!" daß das ganze Haus er ­ wachte und stürzte dem Kosacken in die Arme. Denn daß es ein Kosack war, darüber war ich nicht im Zweifel; kannte ich solche doch aus Ab ­ bildungen genügend. Ich führte unsern Freund in's Bureau und schenkte ihm aus der Flasche ein, deren Inhalt zu gelegentlicher Erquickung der Postkondukteure und Postillone hier stand. Es fanden sich bald noch einige Kosacken ein, die zunächst Wutki und dann einen Schmied verlangten, um ihren Pferden Eisen aufschlagen zu lassen. Beides wurde ihnen mit großer Freude gewährt. Nachdem sie in aller Schnelligkeit auch noch eine zweite Flasche Branntwein ausgetrunken und den Schmied zur Eile angetrieben hatten, trabten sie der weiter ­ gegangenen Kolonne munter nach. Geheimniß- und ehrfurchtsvoll hatte mir ein Kosack den Namen „Tschernitscheff" ins Ohr geflüstert. Wir würden diese braven Kosacken jederzeit mit Entzücken empfangen haben; daß sie aber gerade zur Kassen ­ revision kamen, war uns doppelt erwünscht. — Tschernitscheff, jener kühne Parteigänger, ebenso umsichtig und gewandt als Diplomat, wie als Soldat, gleich tüchtig als General, wie als Kriegs ­ minister, gehörte zur Nordarmee des Kronprinzen von Schweden und stand auf dem linken Elbufer, in Bernburg au der Saale, als er den Entschluß faßte, Kassel zu überfallen. Eine feindliche Hauptstadt, dreißig Meilen inr Rücken des Feindes, zu überrumpeln, dadurch die Verwaltung des Königreichs zu stören, den König möglicher Weise zum Gefangenen zu machen, war ein Unternehmen, das sich der Mühe und Gefahr, mit der es allerdings verbunden war, wohl lohnte. Kassel war durch ein Grenadier- Bataillon, ein Bataillon Garde-Chasseurs und mehrere Depot-Kompagnien von Linien-Truppen besetzt, an Reiterei durch zwei Eskadrons Garde- du-Corps und den größeren Theil eines neu formirten, meist aus Franzosen gebildeten Garde- Husaren-Regimeuts, an Artillerie durch eine Batterie — im Ganzen etwa 3000 Mann In ­ fanterie, 600 Pferde und 6 Geschütze. Gegen den Harz, in Güttingen, stand der westfälische General Zandt mit dem 7. Infanterie- Regiment und zwei Eskadrons, so wie in Heiligen ­ stadt, gegen Nordhausen, der westfälische General Bastineller mit einem Bataillon, zwei Regimentern Kürassieren und zwei Geschützen. Mit einem nur aus Reiterei und einigen Geschützen bestehenden Corps so weit vorzugehen und Kassel zu über ­ fallen, während das Zandt'sche und Bastineller'sche Corps im Rücken standen, war ein gewagtes Unternehmen. Doch rechnete Tschernitscheff auf die Unzuver ­ lässigkeit der Besatzung von Kassel, die zum großen Theil aus ungeübten, überdies gezwungen und mit Widerwillen dienenden Truppen bestand, so ­ wie auf Unterstützung der Einwohner, die ihre Befreier mit Sehnsucht erwarteten. Das Streif ­ corps bestand aus Dragonern, Husaren, Kosacken und einer reitenden Batterie, im Ganzen etwa 2500 Pferden und vier Geschützen. Tschernitscheff brach am 24. September von Bernburg auf und ging bis Eislebeu, den 25. bis Roßla, schickte hier eine Abtheilung gegen die Bastineller'schen Vorposten nach Nordhausen vor, um diese irre zu leiten, bog aber mit dem Hauptcorps von der Straße südlich ab und zog über Sondershausen nach Mühlhausen, wo er