40 befördert. Als ich ihn das letzte mal besuchte, war er wieder Fourier und im Vertrauen machte er mir die Mittheilung, daß er nun eine De ­ gradation nicht mehr zu befürchten habe, da ein zum drittenmal degradirter Unteroffizier nicht wieder befördert werden dürfe, der Regiements- Quartiermeister ihn aber als Fourier nicht ent ­ behren könne. Er marschirte mit nach Rußland und das bekannte Sprüchwort ging auch an ihm in Erfüllung. Wohlbehalten kehrte er zurück und trat später wieder in die hessische Armee ein, in der er abermals Offizier wurde. Aber sein Charakter wie sein Schicksal blieben dieselben. Er wurde kassirt und ein frühzeitiger Tod rief ihn aus beklagenswerthen, wenn auch selbstverschuldeten Verhältnissen ab. Daß er Offizier gewesen, war der Stolz und Trost seines Lebens, wobei er seiner Kassation stets als eines Schicksals gedachte, welches höhere Mächte lenkten. Das war das Loos zweier Menschen, die ich beneidet hatte. Ich bin noch öfter im Leben darüber belehrt worden, daß man Niemanden beneiden sollte. Denn der Neid ist ein doppeltes Unrecht: als moralischer Fehler und als Irrthum. Wie wenige Menschen würden wir Ursache haben zu beneiden, lägen die geheimen Empfindungen ihres Herzens, wie ihre künftigen Geschicke offen vor unsern Blicken! — Ich hatte mein vierzehntes Lebensjahr zurück ­ gelegt, war konfirmirt worden und hatte in der Schule meiner Vaterstadt gelernt, was dort zu lernen war. Ich hätte nun auf eine höhere Schule nach Kassel gemußt, doch da die Zeiten ungünstig und mein Vater auf längere Zeit nach Frankfurt a/M gereist war, so wurde der Vor ­ schlag eines Bruders meiner Mutter, der Rent- und Postmeister war in Kaufungen, an der Straße von Großalmerode nach Kassel, angenommen, mich vorläufig in seinem Bureau zu beschäftigen. Es war dies zwar gegen meine Neigung, da ich aber dadurch aus der Schule kam, war ich es einstweilen zufrieden; denn Soldat konnte ich noch nicht werden, durfte in dieser Beziehung auf ein Einverständniß meiner Eltern überhaupt nicht rechnen. Der Bureaudienst behagte mir indeß wenig. Bei meiner schlechten, schülerhaften Handschrift wurden mir die Arbeiten schwer und weder ich, noch andere konnten Freude daran haben. Eine zweckmäßige Anleitung für diesen Beruf durfte ich von meinen Onkel kaum erwarten, da er selbst kein gewandter Bureaubeamter war. Er hatte Theologie studirt, war dann Informator gewesen und da er als Prediger nach langem Warten kein Amt erhalten, Rentmeister geworden. Er war ein Mann von gediegener wissenschaft ­ licher wie ästhetischer Bildung, verstand außer seinem Latein, Griechisch und Hebräisch auch Französisch und Englisch, war ein liebenswürdiger und angenehmer Gesellschafter, Gelegenheitsdichter und gewandter Sprecher bei allen öffentlichen und privaten Ver ­ anlassungen, ein Manu von humanem Charakter, der sich der allgemeinsten Hochachtung erfreute, aber — er war kein Rentmeister, obgleich er dies bis an das Ende seines Lebens geblieben ist. Wenn die Verifieateure zur Kassenrevision kamen, so konnten sie nirgends freundlicher auf ­ genommen werden, als bei meinem Onkel, keiner bewirthete sie an einer besseren Tafel, keiner setzte ihnen ein besseres Glas Wein vor, bei keinem fanden sie eine anregendere Unterhaltung, aber einen richtigen Kassenabschluß brachte er mit all seinen Schreibern nicht zu Stande und der Veri- ficateur mußte sich schon bequemen, solchen selbst zu machen, wenn er ihn revidiren wollte. Unterdeß las ich im „Moniteur'' die siegreichen Fortschritte des französischen Heeres und ihrer Verbündeten in Rußland und bei der Anrede Napoleon's au seine Soldaten vor der Schlacht von Borodino, that mir das Herz weh, daß ich nicht bei den Siegern unter den Mauern von Moskau sein konnte. Und doch war es gerade in Moskau, wo sich das Schicksal dieses Heeres wendete und wo mit dieser Wendung auch meinen Gedanken eine andere Ricbtung gegeben wurde. Wenn ich von frühester Jugend den lebhaften Wunsch gehabt hatte, Soldat zu werden, so dachte ich mich natürlich in der Armee, die ich kannte. Diese Armee ging aber nun in Rußland zu Grunde; die Kunde von Preußens Erhebung gelangte auch zu uns und ganz Deutschland beseelte nur ein Gefühl: Kampf gegen Frankreich! Von diesem Gefühl mußte ich um so lebhafter ergriffen werden, als es mit meiner vorherrschenden Neigung zum Soldatenstaude zusammen traf. lFortsstzung folgt.»