39 und dadurch sich mit ihnen gleich stellen sollte. Auf der anderen Seite werden Menschen, die nicht zu Soldaten erzogen sind, durch die Er ­ eignisse in ernsten Gefechten, wenn sie solchen zum ersten Male beiwohnen, erschüttert und ver ­ lieren dann leicht die Besonnenheit. So geschah es auch hier. Als die Insurgenten bis zu dem vereinzelt stehenden Wirthshause, der Knallhütte, auf der Frankfurter Straße, eine Meile vor Kassel, ge- kommen waren und hier von dem Büchsenfeuer der westfälischen Jäger empfangen wurden, hielten sie nicht lange Stand, warfen die Ackergeräthe, mit denen ein Theil bewaffnet war, von sich und ergriffen die Flucht. Aus den öffentlichen Blättern ist mir noch erinnerlich, daß bei dieser Gelegenheit die west ­ fälische Regierung gegen jene Landleute mit Milde verfuhr. Es wurde gegen siekeine Untersuchung wegen Theilnahme an diesem Aufstande eingeleitet, und ein Aufruf im „Moniteur" forderte die Leute sogar auf, nach Kassel zu kommen, um ihre auf dem Kampfplatz zurückgelassenen Ackergeräthe ungefährdet abzuholen. Ich glaube indeß, das Vertrauen zu dieser Milde war nicht groß genug, als daß Jemand davon Gebrauch gemacht und sich feine Streitaxt oder seine Schlachtsense zu einem friedlicheren Gebrauch wieder ausgebeten haben sollte. Gegen die Anführer des Aufstandes, denen es nicht gelungen war, sich durch Flucht zu retten, wurde dagegen mit aller Strenge verfahren und auf dem Forst bei Kassel sind sie erschossen worden. Eine einzelne Eiche steht auf der Stelle, wo die Kugeln die Herzen dieser für ihr Vaterland be ­ geisterten Männer durchbohrten. Unter ihnen fiel auch jener hessische Lieutenant von Hasserodt, der bei dem Militairaufstaud von 1806 Kom ­ mandant von Großalmerode war, und meine Vaterstadt ist noch geneigt, den Heldenmuth, mit dem er starb, die Kaltblütigkeit, mit der seine unverbundenen Augen in die Mündungen der Gewehre blickten, welche im nächsten Augenblick ihm gewissen Tod bringen sollten, sich selbst zum Ruhme anzurechnen. Als der Herzog von Braunschweig mit seiner schwarzen Schaar sich von den Grenzen Böhmens bis zur Weser durchschlug, um über das Meer einen Weg nach dem einzigen Lande der Frei ­ heit zu suchen, wurden auf diesem Zuge auch mehrere westfälische Städte von ihm berührt. In Halberstadt wurde ein westfälisches Infanterie- Regiment, (ich glaube es war das fünfte), nach geleisteter Gegenwehr, überwältigt, gefangen ge ­ nommen, entwaffnet und entlassen. Die Entlassenen zogen auf verschiedenen Straßen nach Kassel, und auch in meine Vaterstadt kam ein Theil derselbe». Mit welch gespannter Auf ­ merksamkeit hörte ich nicht den Erzählungen von Offizieren und Soldaten zu, die zu meinem Vater kamen, um Quartier zu erhalten. Mit welcher ehrfurchtsvollen Scheu nahm ich den Czako eines Soldaten in die Hand, durch dessen oberen Theil die Pistolenkugel eines braunschweigischen Husaren durchgegangen war! Dagegen soll man in Kassel mit den Erzählungen dieser Tapfern weniger zufrieden und der Meinung gewesen sein, sie hätten von dein ruhmvollen Angriff des Herzogs und ihrer eigenen vollständigen Nieder ­ lage lieber nicht so viel erzählen sollen. Aber diese deutschen Soldaten waren für den Ruhm des Herzogs von Brauuschweig mehr begeistert, als für die eigenen Fahnen. Ganz Westfalen war voll des Lobes des Herzogs und jeder wollte einen Pfeifenkopf oder eine Tabaksdose haben, auf welcher der kühne Held in seiner Feldmütze mit den Todtenkopf und seinen schnürenbesetzten schwarzen Ueberrock abgebildet war. -sc * * Im Jahre 1812 sah ich einen Theil jener Armeen, die nach Rußland ziehend, einem so traurigen Geschick entgegen ging. Es waren prächtige Truppen, französische und westfälische. Wie schmerzlich leid that es mir, daß ich nicht alt genug war, um mitziehen zu können; aber ich war erst im fünfzehnten Lebensjahr. Wäre ich ein Jahr älter gewesen, ich hätte wohl auch mein Grab in Rußland gefunden. Wie beneidete ich einen früheren Schulkameraden und einen Vetter von mir, die in der Armee dienten. Ersterer war Korporal im 6. Infanterie Regiment, in der Compagnie seines Onkels, des Hauptmanns v. Kleinschmidt. Er wurde Sergeant; als er aber nach der Schlacht von Borodino zum Offizier vorgeschlagen werden sollte, gehörte er zu den Vermißten und wieder zu seinem Truppentheil zurückgekehrt, waren die Offizierstellen besetzt. Jenseits der Beresina hatte ihn sein Hauptmann noch gesprochen, aber an das diesfeitige Ufer mag er wohl seinen Fuß nicht gesetzt haben — er sah seine Heimath nicht wieder. Der Andere, den ich beneidete, mein Vetter, diente als Fourier in einem leichten Bataillon. Er war ein äußerst geschickter und talentvoller junger Manu; was er aber an Genie über das gewöhnliche Maß besaß, das mangelte ihm an moralischen Eigenschaften. Wenn ich nach Kassel kam, ihn zu besuchen, war es jedesmal zweifel ­ haft, in welcher Charge ich ihn treffen würde, ob auf freiem Fuß oder in der 8a11e de Police. Als hessischer Offizier war er gescheitert, und später in westsälifche Dienste getreten, wurde er zweimal vom Fourier zum Gemeinen degradirt, aber immer wieder zum Korporal und Fourier