30 Aus alter und neuer Zeit. Zu Hermann G r im m s 6 0. Geburtstag. Am 6. Januar feierte in Berlin Geheimrath Prof. Dr. Hermann Grim m, der zu Kaffel ge ­ borene älteste Sohn Wilhelm Grimms, seinen 60. Geburtstag. Es wurde ihm zu diesem Ehrentage eine von zahlreichen Freunden, Verehrern und Schülern aus allen Theilen Deutschlands unterzeichnete Glückwunsch ­ adresse in künstlerischer Ausstattung überreicht. Der Jubilar war, wie wir einer Privatmittheilung aus Berlin entnehmen, durch die bei dieser Gelegen ­ heit sich äußernden Zeichen von Liebe und Verehrung aufs Tiefste gerührt und hat diesen Gefühlen in warmen Dankesworten für die Ovation in der National ­ zeitung vom 7. Januar Ausdruck verliehen. Daß die Tagespresse nicht in weiterem Umfange von dem Ereignisse Notiz genommen hat, erklärt sich daraus, daß das aus hervorragenden Gelehrten und Schriftstellern zusammengesetzte Comite die Vor ­ bereitungen zu dem Feste streng vertraulich betrieben und von jeder Veröffentlichung durch die Presse Ab ­ stand zu nehmen beschlossen hatte Die Leser des »Hessenland" aber werden cs uns Dank wissen, wenn wir, von der uns durch einen der hessischen Mitunterzeichner gegebenen Erlaubniß Gebrauch machend, hier den Wortlaut der Adresse mit ­ theilen, in welcher einer der berühmtesten unter den jetzt lebenden Historikern und Archäologen, Ernst Curtius, die wissenschaftlichen Verdienste unseres gefeierten Landmanns mit gewohnter Meisterschaft dargelegt hat: Her in a n n Gri m m zu feinern 60. Geburtstage am 6. Januar 1888. Der sechszigste Geburtstag pflegt seit alten Zeiten als ein Epochentag im Menschenleben zu gelten. Ihren Freunden, Verehrern und Schülern giebt dieser Tag willkommenen Anlaß, sich wie an einem gemein ­ samen Festtage um Sie zu sammeln und dessen, was Sie ihnen sind, dankbar zu gedenken. Wer auf Ihre Thätigkeit heute zurückblickt, erkennt in derselben eine ideale Einheit, wie wir sie nur allen unsern Freunden wünschen können. In Ihrem Elternhause haben Sie besser als irgend einer Ihrer Altersgenossen den Nachklang jener großen Zeit erleben können, da mit der natio ­ nalen Erhebung unseres Volkes auch der Sinn für die Ueberlieferungen der Vorzeit und die Quellen ihrer Geschichte erwachte. An das am Elternherde unbewußt Empfangene haben sie angeknüpft. Sie haben wenn auch Selbst zu künstlerischem Schaffen berufen, seit Sie zuerst in Rom heimisch wurden, auch für Sich die wissen ­ schaftliche Thätigkeit als Lebensberuf erwählt und Sich die Aufgabe gestellt, das Gebiet der neueren Kunst in den Kreis historischer Forschung herein ­ zuziehen. Zwar hatte Rumohr die Bahn eröffnet; aber die Forschung war am Einzelnen haften geblieben, und an der vornehmen Kunstliebhaberei, der sie sich an ­ schloß, war nur Wenigen theilzunehmeu vergönnt. Um diesen Studien in unserem Vaterlande eine breitere Grundlage und höhere Entfaltung zu geben und aus der Kunstgelehrsamkeit eine Wissenschaft zu machen, bedurfte es eines weiteren Gesichtskreises. Dies haben Sie vor allem tief und lebendig em ­ pfunden, indem Sie Winckelmanns Forschung auf Ihr Gebiet übertrugen und in vollem Einverständnis mit dem was Herder und Goethe gewollt hatten, die bildende Kunst der Alten wie des christlichen Zeit ­ alters als ein großes, vom Volksleben unlösbares Ganzes, als einen wesentlichen Theil allgemeiner Kulturgeschichte, als die Grundlagen unserer heutigen Bildung auffassen, welche ohne sie uns selbst un ­ verständlich bleibt. Darum haben Sie im Sinne von Winckelmanu und Herder mit Vorliebe zu allen Gebildeten des Volkes geredet; und wenn Sie auch die selbstver ­ leugnende Arbeit nicht gescheut haben, welche nöthig ist, um durch gewissenhafte Quellenkritik, durch ein ­ dringende Forschung über mittelalterliches Stadtleben und Topographie der Denkmäler einen sicheren Aufbau der neueren Kunstgeschichte zu Staude zu bringen, so haben Sie Sich doch vermöge ihrer künstlerischen Anlage von jeder Einseitigkeit frei gehalten und in der Darstellung des Erforschten immer die höchsten Ansprüche an Sich gestellt. Dabei blieb Ihnen stets die Hauptsache, uns die Meister der Kunst in großen Linien, Denkmälern gleich, vor Augen zu stellen, in ihre geistige Werkstätte uns einzuführen sowie in die Mitte der Menschenwelt, in der sie wirkten. Denn zweierlei ist es, was an Ihnen besonders theuer ist. Erstens die hingebende Liebe für das wahrhaft Große, welche in allen empfänglichen Gemüthern eine gleiche Liebe entzündet. Ueber die bunte Menge glänzender Erscheinungen haben Sie Ihren Blick früh nach denen gerichtet, welche wie ewige Sterne ganzen Reihen von Gene ­ rationen leuchten und aus Wolkenschleiern immer wieder vortreten. Ihr geistiges Leben ist ein täglicher Umgang mit den Heroen der Menschheit, zwischen denen für Sie keine Scheidung nach Fächern besteht. Homer, Sophokles und Dante sind Ihre Ver ­ trauten geworden, ebenso wie Leonardo und Dürer, Carstens und Cornelius. Sie haben sich in Goethe mit gleicher Hingebung vertieft, wie in Michelangelo und Raphael. Das Zweite ergiebt sich unmittelbar aus dem Ersten. — Denn wer vorzugsweise mit den Größten verkehrt, welche ihrer Zeit das Gepräge gaben, der erkennt auch am besten in ihnen das über ihre Zeit hinaus Gültige. Wie Sie Winckelmanu und Herder wieder in sich