19 „Mein lieber Fritz! Seit Deinem gütigen Besuche in Barmen hab' ich von Dir nichts gehört und gesehen und Du magst Dich wohl recht wundern, ein Blatt von meiner Hand zu erhalten. Leider ist die Veranlassung keine erfreuliche. Der traurige Gesundheitszustand Deiner armen Schwester gibt sie mir. Zu Teplitz sah ich Deinen Schwager, den Herzog, täglich. Cr sprach mir mit dem tiefsten Gefühl der Liebe und Besorgniß von dem Zustande der lieben Marie und versicherte mich wiederholt auf das Bestimmteste, daß er sowohl als die Aerzte zu der Ueberzeugung ge ­ kommen seien, ihre Genefung, ihr Leben, hänge viel nrehr als man es glauben könnte von Dir, lieber Fritz, ab; denn die Besorgniß Deine brüderliche Liebe verlohren zu haben, unlergrabe ihre schon geschwächte Gesundheit u. sey sogar ihr Leben in Gefahr. Sobald ich das gehört u. mich überzeugt hatte, daß das kein fa^on de parier sondern tiefer Ernst beym Herzog war, nahm ich mir fest vor, Dich, lieber Vetter, davon auf irgend einem Wege in Kenntniß zu setzen. Und nach langer reiflicher Ueberlegnng glaub' ich den besten u. rechten zu wählen indem ich mich im Ver ­ trauen an Dich selbst wende u. Dir offen erzähle was ich gehört u. was mich so tief bewegt weil ich nicht zweifeln kann, daß es wahr sey. — Es ist nur zu er ­ klärlich, daß man sich gehüthet hat, Dir so Trauriges mitzutheilen; ja es ist von der Art, daß es Dir nur von einem nahen Verwandten den Du stets mit Deinem Vertrauen beehrt hast, mitgetheilt werden konnte. Nun weißt Du es. — Jetzt aber beschwöre ich Dich, lieber Fritz, verliere keine Zeit! Gewiß Dein Bruderherz sucht schon nach Mittel u. Wegen. Wähle nicht lange. Thue das Erste das Beste was Dein Herz Dir angibt. Nur einen Beweis der Liebe, sey's eine theilnehmende Er ­ kundigung zu Meiningen, ein paar Zeilen von Deiner Hand, ein kleines Angebinde so recht geschwisterlich, späther vielleicht einen kurzen Besuch; doch verzeihe mir, lieber Fritz, Du wirst schon das Beste wählen u. Gott wird Dich° segnen. Ich weiß ja, wenn Du auch Ur ­ sachen zur Verstimmung hast — die sind todt u. be ­ graben, sobald Du Deine liebe Schwester in Gefahr weißt. Nun lebe wohl, lieber Vetter, u. glaube, daß Du durch die Beweise von Theilnahme für Marie ihr selbst keine größere Freude machen wirst als nur, denn ich gestehe es, ich bin so stolz zu glauben Du werdest es auch ein Wenig aus Freundschaft für mich thun; ich verdiene es wegen meiner alten, treuen Liebe zu Euch Allen. Dir ganz vertrauend u. mich Dir herzlich empfeh ­ lend, mein lieber Fritz! Dein Berlin, 10. November treuer alter Vetter 1835. Friedrich Wilhelm." Der königliche Detter hatte Recht: der Kur ­ fürst fand nicht nur Mittel, die Schwester von seiner brüderlichen Liebe zu überzeugen; er fand auch sofort den Weg nach Meiningen und hatte dann die Freude, die Herzogin bald aller Gefahr ent ­ rissen zu sehen. Ihre letzte Anwesenheit in Kassel unter der Regierung ihres Bruders siel in das Jahr 1865. Der Kurfürst war damals selbst bedenklich erkrankt und Herzogin Marie eilte deshalb von Meiningen an sein Kranken ­ lager. Wer erinnert sich nicht noch in Kassel der Ovationen, denen die hohe Frau überall be ­ gegnete, wo sie sich öffentlich zeigte, und mit welchen Gefühlen verließ sie die „ihr so theuere Stadt", als auch ihr die Freude zu Theil wurde, den Bruder wieder genesen zu sehen! Daß auch das Leid nicht an ihr vorüber ­ ging, wen kann das Wunder nehmen? Keines Menschen Leben ist ohne alles Leid. Sie selbst spricht sich in einem Briefe vom 3. Oktober 1880 in diesem Punkte so schön aus, wenn sie sagt: „trotz vielem Leid, was ja in einem langen Leben nicht ausbleiben kann, habe ich im Laufe desselben auch des Guten so unverdient und viel genossen, daß, wenn es mit dem Herzog vereint geschehen kann und Gott mir Diejenigen erhält, die meinem Herzen theuer sind, ich auch recht gern noch länger lebe." Mag nun auch der Tod des einen oder anderen Gliedes ihrer von Liebe umschlungenen Familie manche Wunde geschlagen haben, — Wunden der Jugendzeit waren ja ohnehin unter ihrem schönen Familienleben vernarbt, — mag es auch unend ­ lich schmerzlich für sie gewesen sein, nur drei Jahre vor dem Feste der diamantenen Hochzeit den theueren Gemahl zu verlieren: sie konnte doch auch, wie sie selbst anerkennt, auf „vieles Gute", auf reiche Freuden im Leben zurückblicken, woran das ganze Land Meiningen dann eben so innigen Antheil nahm, wie an ihrem Leid. Ihre Kinder und ihre Enkel, — welche Lust ge ­ währten sie dem Herzen der zärtlichen Mutter und wie waren sie Alle bemüht, ihr Freude zu bereiten! Selbst ihr Alleinsein in den letzten Jahren ihres Lebens suchte Jedes so wenig fühl ­ bar als möglich zu machen; besonders hatte es sich der kunstsinnige Sohn, Herzog Georg, von dem einst Bechstein sang: Du stehst verklärt einst von des Nachruhms Glanze, Unsterbltch — in der Mediceer Kranze. — besonders dieser hatte es sich zur Aufgabe ge ­ macht, alltäglich der Mutter Gesellschaft zu leisten, die dann mit regem Interesse des er ­ lauchten Sohnes Ideale in seinem eigenen künst ­ lerischen Schaffen verfolgte, wohl wissend, daß die Kunst ein Graal ist, der auch für den Fürsten die geweihte Schaale bildet, „daraus die Menschheit trinkt vom Göttermahle." Als ihr Enkel, der Erbprinz Bernhard sich im Jahre 1877 mit Prinzessin Charlotte, der ältesten Tochter des deutschen Kronprinzen ver ­ lobte, durchzuckte wohl anfänglich eine nur weh ­ müthige Freude ihr Herz. Der Name Charlotte erinnerte sie an die zu früh verblichene und ebenfalls kunstbegabte erste Gemahlin ihres Sohnes und rief politische traurige Erinnerungen in ihr wach. Doch ihre große Seele siegte über Beides. „Der Bund ist aus gegenseitiger Herzensneigung geschlossen", schrieb sie unterm 30. April, „und Bernhard fühlt sich im Besitze seiner allerliebsten