9 Die französischen Chasseurs waren zwei blutjunge Burschen von kleiner, schwächlicher Figur, während der Grenadier ihnen gegenüber ein Mann von kriegerischer Haltung und mehr als gewöhnlicher Körperkraft war. 'Vermuthlich von Kassel aus als Patrouille in der Richtung auf Eschwege vorgesandt, waren die Gefangenen vom richtigen Wege abgekommen und in der Irre umher ge ­ ritten. Schon drei Meilen von Kassel entfernt, kamen sie aus eitler unwegsamen Gegend auf eine durch den Wald führende Straße. Sie mochten wohl ängstlich besorgt sein wegen ihrer Rückkehr durch ein im Aufstande begriffenes Land, da erschreckt sie plötzlich die hohe Gestalt eines Grenadiers, der ihnen den Weg vertritt, mit donnernder Stimme Halt gebietet und in demselben Augenblick einen von ihnen mit großer Kraft aus dem Sattel hebt und zu Boden schleudert. So lassen sich beide im ersten Schreck entwaffnen und gefangen nehmen. Wenn die Kühnheit des Grenadiers allen Beifall verdient, so will ich das Benehmen der beiden Chasseurs weder rechtfertigen, noch entschuldigen, sondern nur zu erklären suchen. — Noch war Eschwege, das Hauptquartier der im Ausstande begriffenen hessischen Soldaten, von den Franzosen nicht angegriffen worden, und die Führer waren bemüht, den Aufstand zu verbreiten und ihre Streitkräfte zu vermehren. Deshalb kam auch nach Großalmerode eines Tages ein hessischer Lieutenant, ein Herr von Hasserodt, in vollständigem Dienstanzuge mit Schärpe und Ringkragen, geritten, stieg vor dem Posthause ab, erklärte meinem Onkel, daß er zum Kommandanten der Stadt ernannt sei und nahm bei ihm Quartier. Er versammelte die Unteroffiziere und Soldaten des Orts, regulirte unter Zuhülfenahme der vorhandenen Jagdgewehre ihre Bewaffnung, etablirte unter dem Beifall der Menge im Gasthaus zur Krone eine Haupt ­ wache mit einem Posten vor Gewehr, stellte einen Posten vor die Kommandantur, so wie Doppel ­ posten an die Thorpfeiler, die am Aus- und Eingang des Ortes diesen als Stadt bezeichnen sollten, da Großalmerode weder Mauern noch Thore hat. So wurde meine Vaterstadt besetzt und gegen den Feind behauptet, der zur Zeit noch ruhig in Kassel blieb. Als aber der feindliche Ober ­ befehlshaber seine Streitkrüfte zusammen zog, wurde Großalmerode ohne Schwertstreich auf ­ gegeben und die Besatzung marschirte nach Esch ­ wege ab, in so weit Einzelne aus nothwendigen Familien-Rücksichten es nicht vorzogen, zu Hause zu bleiben. An einem Sonnabend Nachmittag verbreitete sich das Gerücht, daß die Franzosen im Anmarsch seien, uin gegen Eschwege vorzurücken. Das Volk schaarte sich auf den Straßen, um die erwarteten Franzosen zu sehen. Die Arbeiter in den Fabriken ließen sich ihren Wochenlvhn auszahlen und sprachen fleißig der Flasche zu. Da kam ein einzelner französischer Offizier in das Städtchen geritten. Ein Pfeifenmachergeselle, begeistert durch das genossene Getränk und durch das kühne Beispiel, das der Grenadier Hopffeld gegeben hatte, ergriff einen Stock, trat aus dem Volk heraus, fiel dem Pferd des Offiziers in die Zügel und schrie: Halt! — Abgesessen! Der Offizier aber saß nicht ab, sondern zog den Säbel. Kaum aber sah unser verwegene Geselle die blitzende Klinge aus der Scheide fahren, als er entsetzt die Zügel los ließ und mit Zurücklassung seiner Pantoffeln pfeilschnell in das dichteste Volksgedränge flüchtete. Der Offizier sprengte ihm mit geschwungenen Säbel nach, aber wohl aus Besorgniß, Weiber und Kinder zu verletzen, hielt er sein Pferd an und ließ die Klinge nicht niederfallen. In demselben Augenblick sprengte ein französischer Kürassier die Straße herab und mit schnellem Blick erkennend, daß der von dem Offizier Verfolgte sich bemühte, die Thür eines freistehenden Eck ­ hauses zu erreichen, flog er um das Haus herum und besetzte den hinteren Ausgang. Der kühne Flüchtling hatte, durch das Volksgedränge ge ­ schützt. die Thür jenes Hauses erreicht, war aber vom Hofe desselben über eine Mauer nach einem Nachbargrundstück gelangt und so glücklich ent ­ kommen. Jetzt rückte ein französischer Oberst, von Ad ­ jutanten begleitet und von einer Eskadron Kürassiere gefolgt, ein. Diese dichte Kolonne in Stahl und Eisen gekleideter Reiter waren die ersten Kürassiere, die ich sah und machten auf mich einen freude ­ erregenden Eindruck. Die Schwadron hielt und der angegriffene Offizier meldete den Vorfall. Der Oberst ließ sich von den Umstehenden den Namen des Mannes, der den Offizier angefallen hatte, nennen und befahl das Wohnhaus desselben anzuzünden. Mein Onkel war unterdeß auf dem Platze angelangt. Er erkannte unter den Begleitern des Obersten einen ihm bekannten ehemaligen hessischen Offizier, der in französische Dienste ge ­ treten war, wandte sich an diesen und eröffnete die Unterhandlungen mit dem Obersten dadurch, daß er ihn bitten ließ, ihm die Ehre zu erzeigen, mit den Herrn Offizieren in seinein Hause ein Glas Wein zu trinken. Die Einladung wurde angenommen; mein Onkel bewirthete die Offiziere auf das Beste und stellte unterdeß dem Herrn Obersten vor, daß der Pfcifenmachergeselle als ein blödsinniger, unzurechnungsfähiger Mensch