359 Aus alter und neuer Zeit. Die Kunst der Glasschleiferei in Hessen. Das von Arthur Pabst herausgegebene Kunstgewerbe ­ blatt, Abtheilung der Zeitschrift für Bildende Kunst, enthält in seiner am 17. November erschienenen Nr. 2 einen sehr bemerkenswerthen Beitrag von dem Inspektor des Kaffeler Museums A. Lenz: über die in diesem Museum aufbewahrten hessischen Gläser, welcher uns von der hohen Blüthe, in der die Kunst der Glasschleiferei in Hessen schon in früheren Jahrhunderten gestanden hat, Kunde giebt. Nach den Angaben des Verfassers gab es hier schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zahlreiche Glas ­ hütten im Kaufunger- und im Reinhardswald, an der Rhön und am Spessart. Sie gehörten mit andern im Harz und im Braunschweigischen ge ­ legenen zu einer einzigen großen Zunft unter den Grafen von Rinneck als Obervögten. Philipp der Großmüthige ordnete im Jahre 1537 die Rechte und Pflichten dieser Zunft durch einen Bundes ­ brief und bestimmte Almanrode (Großalmerode), als den Hauptsitz der Betheiligten, zur Bundesstätte. Hier wurde auch zu Pfingsten jeden Jahres ein Bundesgericht gehalten, bei welchem im Jahre 1557 zweihundert meist in Großalmerode ansässige Personen betheiligt waren. Der Handel nach dem Auslande war ein sehr ausgedehnter und blieb cs auch noch längere Zeit, obgleich in der Glasindustrie durch die in der Zunft eingeriffenen Unordnungen, schlechten Wald ­ betrieb und dadurch entstandenen Holzmangel nach und nach ein Rückgang eingetreten war, erreichte aber wieder große Bedeutung am Ende des 16. Jahr ­ hunderts unter der Regierung Wilhelm IV. Das deshalbige Verdienst gebührt vorzugsweise zwei hessischen Männern, dem Pfarrer Johannes Rhenanus zu.. Allendorf und dem Baumeister Christoph Müller in Kaffel. Die von dem Ersteren, dem Entdecker der Kohlenlager am Meißner, verfolgte Idee, auf den Hütten Kohlen statt Holz zu verwenden, brachte der Letztere dadurch zuerst zur Anwendung, daß er die Kohlen vorher durch Dörren in eine Art Koks ver ­ wandelte. Die Feuerung der Schmelzöfen durch Kohle nist somit zuerst in den hessischen Glashütten eingeführt und nicht in England, wo sie erst unter Jakob I. stattfand, doch das Verdienst der Erfindung wurde, wie es so häufig geschieht, nicht einem Deutschen, sondern einem Ausländer, hier dem Engländer Robert Mansell, von verschiedenen Seiten zuerkannt. Da sich die neue Methode bewährt hatte, so veranlaßte dies Wilhelm IV. in Kassel, im „Weißen Hof« eine Glashütte einzurichten, in welcher zum erstenmal auch Krystallglas bereitet werden sollte. Dazu berief er 7 Italiener, welche anfangs so eifrig arbeiteten, daß hier in den ersten 5 Wochen 13390 Gläser und 3249 Scheiben an ­ gefertigt werden konnten, sich aber bald von einer so üblen Seite zeigten, daß der Landgraf im Jahre 1584 das Unternehmen ganz aufzugeben beschloß. Im Jahre vorher hatte der Rechnungsführer der Hütte, Hans Ebel, an ihn berichtet: „ich finde, daß die Glaser zum Theil unnütze, grinde Hunde sind, liegen für und für mit dem Aufseher in Zank und Streit, sie wollen große Besoldung haben und gleichwohl mit dem Glase ihres Gefallens gebaren.« Einer von ihnen, Gregorius, wurde wegen Mordes des Landes verwiesen, und die andern folgten ihm bald in die Heimath nach. Der kunstsinnige Landgraf Karl widmete dann wieder der Kunst der Glasschleiferei seine volle Auf ­ merksamkeit und legte eine Steinschleiferei an, in welcher den Krystallgläsern Namenszüge, Wappen, Jagdscenen, Erinnerungen an historische Ereignisse eingeschliffen wurden, z. B. die Entsetzung der vom Grafen Sittich von Goertz ruhmvoll vertheidigten Festung Rheinfels im Jahre 1692 durch den Landgrafen Karl. Joh. Justus Winkelmann berichtet in seiner Beschreibung Hessens 1697, Theil III, S. 389: „Landgraf Karl, der große Liebhaber vieler raren Künste und Wissen ­ schaften, hat vor wenigen Jahren die fürtreffliche vor mehr als 1000 Jahren in Flor gewesene Edel- gestein-Schneid-Kunst durch einen berühmten Künstler Christoph Labhadern wieder herfürsuchen, an Tage bringen nnb zu dem Ende in den Schloßgraben zu Kaffel eine artige wohl inventirte Mühle, (so von der durch die Stadt laufende Druse! getrieben wird,) er ­ bauen lassen, in welcher durch des Künstlers Hand allerhand rare. Stücke, sonderlich schöne Pokale und Trinkgeschirre von einem harten Jaspis gemacht werden." Außer dem Christoph Labbart hatte Landgraf Karl noch 6 andere Florentiner zur Einführung des neuen Industriezweigs nach Kassel berufen, welcher wie anzunehmen ist, bis zur Regierung Wilhelm IX. in Betrieb war. Der Staats- und Adreßkalender vom Jahre 1782 führt noch unter den Künstlern Peter- Hesse als Edelsteinschneider auf. Gegenwärtig bestehen in Hessen nur noch zwei Glashütten, die im Jahre 1809 angelegte von Buttlar'sche zu Ziegenhagen und die zu Schauenstein bei Obernkirchen. Diese hier nur kurz angedeuteten Mittheilungen unseres als Kenner des Kunstgewerbes und dessen Geschichte in Hessen rühmlichst bekannten und geschätzten Museums-Jnspektors Lenz werden wohl Veranlassung geben, daß bei dem Besuche der unter seiner Leitung stehenden Abtheilung des Museums in dem Unterstock der Bildergallerie auch den dort befindlichen Prächtigen Proben der hessischen Glasindustrie besondere Auf ­ merksamkeit geschenkt wird. Man wird dabei erkennen, daß es unsern kunstsinnigen hessischen Landgrafen ihrer Zeit gelungen war, auch diesen Kunstzweig auf eine hohe Stufe der Vervollkommnung zu bringen. N.-ck.