357 Dann harrte sie aus neben ihm, bis er eingeschlafen war. In ihrem einsamen Stübchen blieb sie noch lange wach. Die groben Hände um die Kniee gefaltet, den grauen Kopf an die getünchte Wand gelehnt, dachte sie an die Vergangenheit - zurück. Sechszig heilige Abende lagen hinter ihr — manche dunkel und öde, wie es die Dürre der Einsamkeit mit sich bringt, andere lichterbeglänzt wie der heutige. Die Erinnerung an die Weihnachts- Abende, welche sie dem Knaben bereitet, der nun zum Manne gereift, stieg in ihr auf. Da war auch Jubel gewesen und Händeklatschen und Freude. Da war Dank gewesen in ihrer Seele, der Dank eines halbverschlossenen Herzens, dem Gott Frühlingstage gibt im Spätherbst . . . Und nun? „Wenn er lebt, der Junge," dachte sie „ob er sich heute daran erinnert? Er hat's freilich nicht wissen können, wie er mir alles war . . . Ach Gott, er wird ja wohl gestorben sein — liegt irgend wo vergraben in der fremden Erde." Die Thränen stürzen ihr plötzlich aus den Augen. Hastig stand sie auf und löschte das Licht. Es war ja nur ein halbes Flämmchen, aber der Mensch findet sich besser wieder im Dunkeln. Die alte Botenfrau weinte sich in den Schlaf. Sie schlief lange in den ersten Feiertag hinein; denn vom gestrigen Tagewerk her lag es ihr noch wie Blei in den Gliedern. Als fie erwachte, läuteten schon die Glocken von dem Thurme zum ersten Gottesdienst. Drunten vor der Hausthüre blies der Frieder in seine Trompete, Bäckers Fritzchen rief seinem Stecken ­ pferde ein vernehmliches „Hü, hott!" zu und drüben am Fenster, der Anna-Marte gerade gegenüber, ließ Handschuhmachers Julchen die neue Puppe die ersten Gehversuche auf dem Blumenbrett machen. „Fröhliche Weihnachten!" tönte es hier und dort von Leuten, die einander begrüßten. Die Botenfrau stand auf, sich für den Kirch ­ gang anzukleiden. Eben holte sie den weiten flanellgefütterten Kattunmantel mit den großen Blumen aus dem Spinde und setzte vor dem zersprungenen Spiegel die altmodische Spitzen ­ haube auf ihren grauen Scheitel, da tönte ein polternder Schritt auf der Treppe. Knurrend und scheltend tappte Jemand den dunkeln Vor ­ gang entlang. „Heda, Hollah! Aufgemacht, Jungfer Anna-Marte!" Schmunzelnd stand der Briefträger auf der Schwelle und hielt ein Packetchen in die Höhe, ein weitgereistes Packetchen, mit Schnüren um ­ wunden und mit ausländischen Stempeln bedeckt. „FröhlicheWeihnachten, Jungfer! Daist etwas, Euch den Kirchweg schön zu machen!" Sie setzte sich auf die bunt bemalte Truhe neben ihrem Bette hin. Einige Minuten lang lag das Packetchen in ihrem Schooße, ehe fie sich getraute, cs zu öffnen. Du lieber Heiland! Die Adresse war ja von der Handschrift, welche sie so lange gekannt und so oft auf der alten Schiefer ­ tafel gesehen, die nun vergessen in der Bodeu- kammer lag. Das war die steife, große Knaben ­ schrift, auf welche sie stets so stolz gewesen. Sie löste einen Knoten nach dem andern, damit nur kein Stückchen Faden verloren gehe, faltete die Papiere bedächtig aus einander — ja, und da kam's, das Weihnachtsgeschenk, welches das Christ ­ kind für die alte Anna-Marte bestimmt: das Bild eines großen, hübschen Menschen, der treu ­ herzig in das Gesicht seiner Pflegemutter hinein ­ lachte — und ein echter, wahrhaftiger Hundert ­ markschein. Und da war ein Brief dabei, darin stand, daß er erst etwas Ordentliches habe werden wollen, ehe er ein Lebenszeichen gegeben. Nun aber wäre er in einer guten Stelle und werde jetzt regelmäßig schreiben und der Pflegemutter Geld schicken, damit sie sich nicht mehr zu plagen brauche — denn er danke ihr doch alles, und es sei nicht mehr als recht. Wer Kinder in Sorgen und mit Noth großgezogen, der könne später auch beanspruchen, daß sie ihm ein sorgenfreies Alter schüfen, und wenn der Weihnachtsabend käme, dann möge sie nur wissen, für sein Leben gern wäre er bei ihr wie früher. Die Anna-Marte faltete den Brief zusammen, besah noch ein Mal den Hundertmarkschein, wie Jemand, der's noch nicht recht glauben kann, und blieb noch einen Augenblick sitzen, den Kopf in die Hände stützend. „Ach mein Gott, mein Gott! Gar zu gut hast Du's mit mir altem, unnützen Weib gemacht. Vergib' meine Ungeduld! Du weißt ja, daß ich von jeher ein heftig Wesen gehabt hab'. Deine Güte an mir aber soll dem Frieder auch seinen Segen bringen. Herr Gott, laß' mich noch ein Weilchen leben, damit ich Dir zeigen kann, wie dankbar ich Dir sein will für all' Deine große Lieb' und Gnad'." Sie nahm das Gebetbuch, ging die Treppe hinab und winkte dem Frieder zu: „Leg' deine Trompete in die Ecke, Junge; wir gehen jetzt in die Kirche, dem Christkind zu danken, daß es an uns Beide gedacht hat. . . . Geh', sput' dich, Frieder!"