355 sein Leben gern eine kleine Trompete von Blech gehabt, so ein wunderbares Instrument, das eine Stimme hat, die man wecken kann, wenn man Abends so ganz allein in der dunkeln Kammer ist und vor Gespenstern und Ratten sich fürchtet; mit dem man auch allen Jungen auf der Straße vorangehen kann, wie ein riesiger Trompeter in der Armee. „Ach liebes, liebes Christkindchen! Nur eine kleine, kleine Trompete — du hast doch den Frieder nicht vergessen, liebes Christkind? Die Mutter hat mir ja erzählt, daß du alle Kinder lieb hast, die an dich glauben und zu dir beten." So sprach der Frieder und preßte mit In ­ brunst die Finger in einander. Kein Auge wandte er von den leuchtenden Fenstern im Nach ­ barhause und bekümmerte sich, warum das Christ ­ kind „die paar Schritte" zu ihm herüber nicht mache, da es doch ein Mal auf dem Wege sei. Wie er so recht eifrig gebetet hatte und kindische Gelübde gethan, kam plötzlich eine Art zitternder, freudiger Furcht über das einsame Kind. Mit weit aufgesperrten Augen sah es nach der Thüre hin; denn es dachte, die müsse jetzt aufspringen, und dann käme das weiße, leuchtende Jesulein herein mit einem Lichterbaum und einer Trompete. Statt dessen aber keuchte und ächzte etwas auf dem Gange; c'n Korb wurde stöhnend nieder ­ gesetzt, ein Zündholz strich gegen die Wand und ein Kopf zeigte sich in der Thürspalte. „Heda Frieder!" sagte die heisere Stimme der Botenftau, die heimgekommen war, „hilf mir 'Mal die Kiepe von der Schulter lad>n! Eil' dich, Bub!" Der Frieder that's, und da stand sie im Lichte der flimmerigen, blinden Stall-Laterne, die alte, schrumpelige Botenfrau, welcher der Kopf vom Tragen schwerer Kisten tief auf die Brüsk ge ­ wachsen war. Sie sah ihn mit ihren grauen, blinzenden Augen an. „Was treibst du denn, Friederle, allein in der kalten Stub'? Ist denn der Vater noch nicht heimgekommen?" „Ich hab' gebetet," sagte der Frieder, der nur von einem Gedanken erfüllt war; „das Christkind ist 'nübergeflogen zu den Bäckersleuten und zum Schuster, hat auch Handschuhmachers Julchen nit vergeflen. Keinen vergißt's — gelt Anne- Marte? Ich muß schnell wieder in die Stube, damit ich's nit verpaß', wenn's vielleicht an's Fenster klopft." „Da geh', du Hans Narr!" brummte die Boten ­ frau, belud sich mit ihrem Korbe und stolperte die knarrende Hühnersteige empor, welche zu ihrem Kämmerchen führte. Da droben war alles kalt, unwirthlich, unfestlich und öde, wie es bei ein ­ samen Leuten aussieht, welche den ganzen Tag, die ganze Woche kaum in ihre Behausung kommen, j Aber sie war es ja nicht anders gewöhnt, die alte Anna-Marte. Sie stellte die Laterne auf den Tisch und stng an, all' die Packen und Päckchen, welche sie von der Residenz für die Kleinstädter mitgebracht hatte, ihrem Korbe zu entnehmen. Dann machte sie sich auf den Weg, jedes Einzelne zu seiner Bestimmung zu tragen. Als sie am Fenster des Straßenkehrers vor ­ über kam, leuchtete, gegen die Scheiben gepreßt, das blasse, sehnsüchtige Gesicht des Kindes, welches auf das Christkind wartete. „Armer Kerl!" dachte die alte Person; „kann lange warten! Dem steckt Kein's ein Lichtlein an! Ist jeder froh, wenn er vom Oel der Noth ein Tröpflein abgespart hat für die eigenen Kinder!" Da faßte ihr etwas an's Herz: „Hast ja heut' ein gutes Verdienst gehabt, Anna-Marte. Nun? . . . Könntest dem armen Schlucker schon ein Mal eine Freud' machen! 's ist ja der Ge ­ burtstag des Heilands, der dich arme Seel' er ­ löst hat mit seinem Blut. Nur einmal im Jahre ist's Christtag, Anna-Marte!" . . . „Hätt'gerad' noch gefehlt!" knurrte sie, mit ihrem kurzen Athem die Treppen hinansteigend, „mein sauer Erworbenes an Firlefanzereien zu hängen! So armen Creaturen ist's gut, wenn sie von Kindes ­ beinen an lernen, daß Einem das Leben kein seidenes Kisschen in den Rücken steckt. Anna- Marte, daß bu mir keine Capriolen machst! Das wär' so recht wie du — mit den Händen verthun, was du mit den Füßen erläufst." Die Botin hing an ihrem Groschen, wie alle Leute, die ihn Heller bei Heller verdient haben. „Hast du noch nicht Zahlen genug in den Schornstein geschrieben, alte Gans!" monologisirte sie zum großen Ergötzen der Passanten weiter. „Curirt dich eine Narrenklingel nicht, die dir vor'm Kopf hängt und dir alle Tag' vor den Ohren schellt? Hast ein Mal viel Geld an Je ­ manden gehangen; könntest wissen, was dabei heraus kommt!" Die Anna-Marte hatte eine Geschichte. Sie war eine arme, alte Jungfer, die den Waisen ­ jungen einer Schwester groß gezogen. Sie hatte das Kind geliebt wie ein leibliches, hatte alles das für es gethan, was ihr möglich war; sich den Bissen am Munde abgespart, um ihn dem Jungen zuzustecken. Sie hatte sich abgerannt und abgeplagt, daß er etwas Tüchtiges lernen könne, und sich keine gute Stunde gegönnt. Ein ordent ­ licher Schreiner war er geworden, und zwar Einer, der etwas von der Kunst des Handwerks verstand. Ueber dem Bette der Anna-Marte hing seine erste Zeichnung — ein großer, steifer Schrank, ein Wunderding in ihren Augen. Als der Junge flügge geworden und sein Glück in dem gelobten Lande, das heißt in Amerika ver-