354 die frischen Christtagsstollen und bunten Weih ­ nachtsmänner auf einem weißen Tuche lagen, und auf den Stein kletterte, von welchem aus die Kunden ihre Waaren verlangten. Auf die Zehen sich hebend, wollte er Einblick gewinnen in die elterliche Wohnung, wo das Christkind seine „Heimlichküche" hatte. Fritzchen aber hing sich heulend an seine Rock ­ schöße und schrie: „Dann nimmt das Christkind alles und trägt's direct in den Himmel hinein . . . Nicht gucken! Nicht gucken! Das weinerliche, blasse Julchen des Handschuh ­ machers, welches sonst vor lauter Zimperlichkeit nicht bis drei zählen konnte und stets vor den Gänsen und dem Lilliputhunde des Raseurs auf der Flucht war, zog den Uebelthäter an seinem defecten Höschen herab von dem usurpirten Steine und hielt ihm resolut die beiden mageren Fäuste entgegen. „Du darfst das Christkind nicht böse machen, sonst fliegt's fort, auf und davon." „Wohin denn?" fragte Karl überlegen. „Aus der Welt —, nach Amerika — oder zurück in den Himmel." „Bringt das Christkind euch einen Baum?" fragte Fritzchen. Julchen nickte geheimnißvoll: „O, solch' einen kleinen, wunderhübschen Baum! — cs hat ihn droben in die Gang-Ecke hingestellt. Der Baum ist noch nicht einmal so groß als ich — so nied ­ lich! Und eben jetzt putzt das Christkind ihn aus. Nach Weihnachten legt es die Zuckersachen wieder in das rothe Kästchen oben auf dem Schranke — jetzt steht die Schachtel auf dem Tisch, und die Engel fädeln die zerbrochenen Dinge wieder zusammen. Mutter und Vater dürfen zusehen." So sprach Handschuhmachers Julchen mit verklärtem Gesicht und einem heiligen Schauer im Herzen. Plötzlich hatte Karlchen einen Einfall. Er warf seine gestrickte Pudelmütze in die Luft und schrie: „Das Christkind soll leben! Vivat hoch!" „Vivat hoch!" rief die ganze Gesellschaft wie aus einem Munde. In den Jubel hinein tönte die Schelle aus der Wohnung des Bäckers. Wie schnell Fritz und Karl jetzt Kehrt machten! Sie rannten das arme Julchen beinahe über den Haufen, sprangen, troddelten, stolperten die Treppe hinauf. Aber an der Thür des Wohnzimniers faßten sie ein ­ ander an der Hand, legten die kleinen Gesichter in feierliche Falten und betraten gravitätisch die Schwelle, über welche das Christkind geflogen. Die klebrigen drängten in die Hausthür und sahen ihnen nach. Das Licht des Bäumchens fiel während eines Augenblickes auf die schwarzen Dielen des Hausflurs; dann schloß sich der Spalt. Wir aber schauen durch das Fenster und sehen sie Alle mit gefalteten Händen vor der papicrnen Krippe stehen: den Bäcker und die Bäckerin, den Lehrling, die schluchzende Magd und die Kinder. Und wenn auch jeder von ihnen die Melodie des Liedes anders auffaßt, es klingt doch schön: Ach, seht in der Krippe Auf Hm und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh: In reinlichen Windeln das himmlische Kind, Viel reiner und holder, als Engel es find. „Nun muß es bei uns auch bald bimmeln!" meinte Schusters Trine, indem sie dem Josephchen auf die wackeligen Beinchen half und es tröstend bei der Hand nahm. Sie stellte sich in der Hausthür in Positur; denn ihre Eltern wohnten im ersten Stock, und die Kinder durften sich, strenger Verhaltungsmaßregel zufolge, nur auf gegebenes Zeichen droben blicken lassen. Handschuhmachers Julchen aber stand unbeweg ­ lich mitten in der Straße und beobachtete mit athemloserSpannungdieFenster„ganz am höchsten" hinter denen ein wunderbares Funkeln und Flim ­ mern zu entstehen begann. Die kleine, ernsthafte Person hoffte im Stillen, sie werde Zeugin sein, wie das Christkind oben aus dem Fenster her ­ ausflöge mit all' seinen beschwingten Begleitern. Trine und Josephchen waren schon gerufen — da fiel ihr ein, auch die Nachbarhäuser zu be ­ trachten, und sie gewahrte, daß in dem gegen ­ überliegenden kein Licht brannte. Es war ja auch natürlich; denn dort wohnte die „Botenfrau", welche erst noch mit dem Zuge aus der nächsten großen Stadt zurückkam, und der Straßenkehrer Herbold, der niemals Abends zu Hause war. Ob wohl zu dem Frieder des Straßenkehrers auch das Christkind kam? — Gewiß doch — der Frieder war ein ordentlicher Junge, treuherzig, wenn auch schmutzig und verlumpt. Julchen faltete im Stillen die Hände: „Liebes Christkind vergiß doch den Frieder nicht!" In diesem Augenblicke rief die Stimme des Handschuhmachers von oben: „Julchen, Julchen, der Christbaum brennt!" Mit einem jubelnden Aufschrei stürzte das kleine Mädchen vorwärts. Alles, was die Kinder einander vor der Thüre erzählt, hatte des Straßenkehrers Frieder, der am offenen Fenster der dunklen Stube saß, gehört. Der Frieder war ein schmächtiger, blasser Junge von acht Jahren, der keine Mutter mehr hatte — nur einen groben, polternden Vater, welcher Abends erst spät aus dem Wirthshause zu kommen pflegte. Keine Weihnachtsfreude für den Frieder? Er war ein vergessener, kleiner Kerl, dem Niemand ein„Huschepferd", noch einePeitsche kaufte oder irgend etwas anderes. Und doch hätte der Frieder für