353 lindes. Ueberall riecht's nach Bratäpfeln, frischem Kuchen und Tannenharz; Nüsse klappern in den Körben der Leute, denen es spät erst gelang, Feierabend zu machen, und die nun heimkehren vom Christmarkt. Manches arbeitsharte, falten ­ reiche Gesicht glättet sich zu einem glücklichen Lächeln, und Jeder, der heute nur etwas zu ver ­ schenken hat, und sei es ein Gegenstand aus der „Fünfgroschenbude", dünkt sich ein kleiner Krösus, fühlt sich doppels wichtig, fast geehrt durch die Mission, zu irgend Jemand die Freudenbotschaft von seiner Liebe zu tragen. Das Gloria zittert in der Lust — denn unser Herrgott feiert Seinen höchsten Festtag, den Tag der Neugeburt der christlichen Liebe, an dem Er blühen sieht, was oft das Jahr hindurch so still und verdorrt stand in der Menschenbrust. Nun springen die Knos ­ pen, nun sproßt aus kaltem Boden die Weih ­ nachtsrose. Der Stern von Bethlehem ist aufgegangen; die Hirten, die Könige und die Weisen folgen seinem Strahl. Wieder zeigt sich Gott als Kind auf Seiner Mutter Arm, lächelnd, holdselig, die Arme ausbreitend nach Allen — nach den Kindern Seiner Gnade und nach den dunkeln Seelen der Heiden. Unwiderstehlich in Seiner süßen kind ­ lichen Barmherzigkeit, zwingt er zu Seinen Füßen die Wegmüden, Starren und Kalten. Er läßt die Menschen nicht los, wie sie auch aus Seiner Nähe sich entfernt haben; er weiß sie zu finden, und zuweilen unbewußt feiern sie Seines Namens Herrlichkeit. Mit göttlicher Erleuchtung naht Er den Aermsten und Reichsten und segnet, feuert an, zwingt zur That. Die Gabe des Aermsten aber ist die größte; zu den Niedrigsten beugt sich das göttliche Kind am tiefsten herab. Wenn Es dort Sein Licht brennen sieht, wie erdenerwärmend wird Sein Lächeln! Nicht in Schnee und Eis, beinahe frühlings ­ artig kam in diesem Jahre der heilige Abend, und wie im Lenz drängte sich aus den engen Wohnungen das Leben auf die Straße. Auf der Treppe des dreistöckigen Hauses, das schmal wie ein Handtuch zwischen den breitspurigen Gefährten hing, über dessen gewölbter, eisenbe ­ schlagener, von Rauch und Zeit geschwärzter Thüre noch die Jahreszahl 1643 in den Balken gegraben war, saß ein Häuflein flachsköpfiger kleiner Bürger dicht an einander gedrängt. Da war die Trine des Schusters, eine hand ­ feste, entschiedene kleine Person, welcher der blonde Zopf stets eigensinnig vom Kopfe wegstarrte, der die Locken und Löckchen trotz aller mütterlichen Pommade wild um die Stirne flatterten. Sie hielt ihr zweijähriges Schwesterchen, das Joseph- chen, auf dem Schooße. Das rosige, posaunen ­ engelhaste Josephchen mit den schiefen Beinchen war eigentlich ein Schreihals erster Klasse. Heute aber war's zufrieden, von der Stimmung des Abends ergriffen. Es liebäugelte mit den grell ­ roth bekleideten Füßchen und balancirte das bunt ­ gestickte „Pätschchen" auf der großen Zehe, hin und her. Neben Trine saß Handschuhmachers Julchen, beinahe zitternd in der Aufregung der Erwartung. Ihr schloffen sich Bäckers Karlchen und Fritzchen an. Fritzchen trug ein großes, gelbes Taschentuch über dem Kopfe, mit zwei Zipfeln geknotet, weil er Zahnweh hatte. Nun aber überwog die Freude des Harrens und Bangens, die gewaltige Spannung des Gemüthes den körperlichen Schmerz; er kauerte da mit leuchten ­ den Augen und halb offenem Munde, regungs ­ los. Alle, wie sie da zusammensaßen, warteten auf die Schelle, welche sie zur Christbescheerung rufen sollte. „Ich möchte wissen, was ich krieg'," seufzte Julchen. „Ein goldenes »Nichtschen« und ein silbernes »Wart' ein Weilchen«", entgegnete das bereits schulpflichtige Karlchen. „Mach' jetzt keine Flausen; 's Christkind hörts." „Ich hab' das Christkind gesehen!" rief Trine eifrig. „Just vor ein paar Minuten, als ich in der Bodenluke stand, flog's in einer schneeweißen Wolke über die Stadt hin. Hu — so schnell! Gewiß wollte es noch ein Mal sehen, ob auch kein Kind löge, oder schnuckte, oder sein Brüderchen kratzte." „Und ich," meinte Fritzchen, der noch nicht volle vier Jahre alt war und sich das „däddeln" nicht abgewöhnen konnte, „ich hab dem Christkind zu ­ gehört. Es will dem Karlchen eine große Peitsche bringen und ein »Huschepferd«, wenn's nicht mehr am Daumen lutscht, hat's zur Mama gesagt. Gestern Abend war's als ich schon im Bettchen lag." „Du hast ja den Daumen im Munde, Fritzchen!" mahnte Trine. Der kleine Sünder zog ein schiefes Mäulchen und besah reuevoll den rothen, fetten Finger, der sich immer wieder zwischen die weißen Zähnchen verirrte. Karlchen hatte auch seine Hoffnung im Betreff dessen, was das Christkind bringen sollte. Er träumte von einem Bücherranzen mit grünem Lederdeckel und von einem Federkasten, auf dem die sämmtlichen Gestirne des deutschen patriotischen Himmels auf goldenem Grunde gemalt sein sollten. Das zwischerte durcheinander, als sei ein Nest voll junger Zaunkönige ausgeflogen. Die Er ­ regung stieg von Secunde zu Secunde, und da sie auf ihrem Höhepunkt angelangt war, machte sie Karlchen so tollkühn, daß er sich an das väterliche Ladenbrett im Erdgeschoß schlich, wo