336 der junge Mann wieder über die Leitern auf die Erde. Das Volk aber ehrte ihn mit dem end ­ losen Rufe: „Vivat, Galina!" Nach dieser glücklichen Wendung ging der Zug wieder langsam weiter, seinem Ziele zu, die Westheimerstraße entlang und nach dem nahen Stellberge, einem mäßigen Hügel, an dessen sterilem Südhange ein Galgen errichtet war. Hier hielt der Wagen, und es nahmen um denselben zunächst in einem Kreise die Mitglieder des Zuges Stellung und rundum dann die gewiß viertausend, wenn nicht mehr Köpfe zählende, neugienge Menge. Nun batte man zunächst Gelegenheit, Gund- lach's Redetalent zu bewundern und zu vernehmen, daß durch den Strohmann Niemand anders als dem Mörder Robert Blum's, dem Fürsten Win- disch-Grätz die Ehre einer Hinrichtung in 6ffigie zugedacht sei. Daß diese feurige, an Schlag- wörtern der Zeit überreiche Ansprache ihre Wirkung nicht verfehlte, das bezeugte der Beifallssturm, der ihr lohnte. Als die Ruhe zurückgekehrt war, erhob sich der „Parr" auf dem Wagen, und während dem Deliauenten kunstgerecht die Schlinge um den Hals gelegt und er von der Leiter ge ­ stoßen wurde, hielt er demselben eine Leichenrede. Nie ist wohl fließender und mit wahrhaftem Kanzelpathos, Gallimathias an Gallimathias gereiht, gehört worden, als in der, eine Halbe ­ stunde dauernden zungengymnastischcn Leistung dieses Salbaders, die mit dem Reime schloß: „Ja, die jungen Raben Sollen sich an deinem Fleische nicht labe», Ähr Jungen, steinigt ihn!" Dieser Schluß wäre wohl, wie der andere, blühende Unsinn, meinem Gedächtnisse spurlos entschwunden, wäre er nicht nahezu Ursache ge ­ worden, daß das komische Trauerspiel blutig geendet hätte; denn der jugendliche Janhagel liest sich nicht zwei Mal zu einem derartigen Privatvergnügen einladen, haschte am Boden nach Steinen und war ernstlich gewillt, ein Bombardement zu versuchen. Aber vor allem Dank dem Boden, der nur kleines, erbsengroßes Gerölle bot, und dem Bemühen Gundlach's kam die enggeschuarte Menge, in der kein Fehlwurf verloren gegangen wäre, ohne blutige Köpfe nach Haus, und statt der Steinigung gab es ein lustiges Autodafe. — Eines drolligen Intermezzos muß ich noch Erwähnung thun. Man hatte dem Deliquenten ein Paar feingewichste, guterhaltene Stiefeln mit auf den letzten Gang gegeben. Diese mit zu verbrennen ging dem, in der Nähe weilenden Homberger Flurschützen über die Hutschnur, er suchte sie heimlich über die Seite zu bringen, ward aber dabei erwischt, vom „Parr" in kurzer Rede mit dem König Saul verglichen, der sich an dem Verbannten vergriffen habe und sein Rücken mußte büßen, daß er es gewagt, die heilige Volkssache durch Mauserei bei ihren Feinden zu verdächtigen. Mit dieser Buckelwäsche endete die große Todtenfeier Robert Blum's aus dem Stellberge. Die Ehre des Tages aber blieb Galina, und noch lange nachher meinte der Volkswitz , er sei der einzige Deutsche gewesen, der in Wirklichkeit dem Henker Robert Blum's den Kopf zurecht gesetzt habe. — Zwei Jahre gingen über diesen Vorfall hin. In Kurheffen stand der Verfaffungskampf in voller Blüthe, und es war dahin gekommen, daß die Stände die Steuern verweigert hatten, und der Bundestag in Frankfurt a/M die Exekution gegen die Steuerverweigerer auf An ­ trag des Landesfürsten und seines leitenden Ministers Hafsenpflug beschloß. Bayern und Oesterreicher hatten seit einiger Zeit die Grenzen des Landes überschritten. Um diese Zeit hielt eines Abends Gundlach eine seiner Versammlungen in der Wirthschaft zum Kloster St. George ab, die am Fuße des Berges liegt, an welchen sich das Städtchen lehnt, nahe der von Hersseld herüber führenden Land ­ straße. Es war um die Zeit, wo die Lichter angezündet werden, und Gundlach befand sich im besten Fluffe seiner Rede. Mit einem mal wurde die Thür aufgerissen, und in derselben er ­ schien — weiß wie die Tünche der Wand — Galina und rief dem Redner athemlos zu: „Der Windisch-Grätz kömmt!" Der Ruf machte den Redner verstummen, leichenstill ward es in dem großen, geräumigen Zimmer, und als im nächsten Augenblicke der kriegerische Klang rasselnder Trommeln von der Landstraste herüberdröhnte, griff Alles nach Hut und Mütze, und die Gaststube war im Nu wie gekehrt. Die Hiobspost schien in der That begründet zu sein. Eine Colonne von Bayern und Oester ­ reichischen Jägern rückte in das Städtchen ein, und der Führer nahm Quartier im Gasthause zu Stadt Frankfurt, in besten Nähe die Gund- lach'sche Behausung sich befand. Der Zufall wollte es, däß der Führer noch desselben Abends nach einem Schuhmacher ver ­ langte, und daß Gundlach von dem Gasthofbe ­ sitzer aus nachbarlichem Wohlwollen empfohlen wurde. Der Hausbursch aber, den er absandte, um jenen herzubescheiden, fand ihn nicht zu Hause; er sei verreist, wurde ihm gesagt. Acht Tage lang sah man Gundlach nicht, acht Tage ging es im Städtchen von Mund zu Mund, der Führer der Exekutions-Kolonne sei Windisch-